Mittwoch , 28. Oktober 2020
Eine Ortsansicht von Artlenburg von 1727. Foto: Christian Krohn

Archäologische Funde in Artlenburg

Artlenburg. Wissenschaftler spekulieren nicht. Verständlich. Aber jammerschade. Vor allem, wenn es um Funde und Ausgrabungen in Artlenburg geht, die geradezu zu Spekulationen einladen. Wo, wenn nicht an der Artlenburger Furt, wo die Salzstraße durch die Elbe führte, wo das Lüneburger Salz Richtung Lübeck transportiert wurde, hätte einst ein lebhafter Handelsort entstehen können?

Dr. Werner Budesheim (r.), Vorsitzender der FLA (Freie Lauenburgische Akademie), Manfred Maronde (l.) vom Heimatbund und Geschichtsverein Herzogtum Lauenburg hatten den Historiker Dr. Frank Andraschko zu einem Vortrag über die Ertheneburg/Artlenburg eingeladen. Foto: sel

Zumindest zu einigen Schlussfolgerungen ließ sich Dr. Frank Andraschko während seines Vortrages „Ertheneburg oder/und Artlenburg? Burg und Siedlung an der historischen Elbfurt bei Schnakenbek“ hinreißen. Angesichts zahlreicher Metallfunde kommentierte der Frühhistoriker: „Es handelte sich in der Siedlung nicht unbedingt um einfachste Bauernhöfe. Hier muss mehr passiert sein als einfach nur Landwirtschaft.“ Und der Fund von Münzen, darunter ein Denar von Herzog Bernhard II. (1011-1059), Waageteile und Kugelgewichten sei „ein deutlicher Hinweis auf Handel“. Ebenso die zwei Rittersporne aus dem 11. Jahrhundert seien Hinweise auf „etwas Besseres“.

Händler und Kaufleute stärkten sich in Schänken

Womöglich lassen die zahlreichen Tierknochenfunde den Schluss zu, dass sich Händler und Kaufleute in Artlenburger Schänken stärkten, bevor sie weiter gen Norden zogen. Aber das bleibt – vorerst – reine Spekulation. „Eine Siedlung ist sicher“, so der Historiker von der Hamburger Universität. Aber damit sagte er den Zuhörern, die in die Heinrich-Osterwold-Halle nach Lauenburg gekommen waren, nichts Neues. Denn unter ihnen fanden sich viele Sach- und Fachkundige, etwa Uwe Westerhold, der bereits im Jahr 2014 zahlreiche archäologische Fundstücke in der Artlenburger Storchenwiese entdeckt hatte. Gemeinsam mit Martin Stein hatte er den Rullstorfer Lokalhistoriker Christian Krohn darüber informiert, und so wurden Ausgrabungen in dem Neubaugebiet an der Storchenwiese möglich.

Ein Denar. Foto: Christian Krohnl

2017 leitete der Archäologe Arne Hoffmann die Ausgrabungen, in deren Rahmen ein Holzkohlestück im 14C-Labor der Universität Kiel untersucht (Radiokarbonmethode) und auf die Zeit zwischen 1025 und 1157 datiert wurde. Und zu dieser Zeit war einiges los im Elbstromtal. Kein Geringerer als der machtbewusste Herzog Heinrich der Löwe hielt auf der „Ertheneburg“ mehrere Landtage ab, im Jahr 1161 erließ er dort das Artlenburger Privileg, mit dem er Kaufleute aus Gotland und aus Lübeck rechtlich gleichstellte – die Geburtsstunde der Hanse.

Burg wird in Dokumenten mehrfach erwähnt

Also gab es eine Burg in Artlenburg, womöglich nahe der heutigen Burgstraße? In schriftlichen Dokumenten wird sie mehrfach erwähnt, aber archäologisch wurde bislang noch nichts entdeckt, was ihre Existenz und Lage beweist. Überhaupt bleiben nahezu alle Bodenverfärbungen bislang „diffus“. Vielleicht lassen einige Verfärbungen auf Grubenhäuser rückschließen. Andraschko ließ sich sogar dazu hinreißen, von einer „Wasserentnahmestelle“ zu sprechen, wo Zuhörer eindeutig einen Brunnen ausmachten.

Ein Rittersporn. Foto: Christian Krohnl

Und stand die Burg überhaupt auf der linkselbischen Seite? Oder lag sie gegenüber auf der Schnakenbeker Geest im Herzogtum Lauenburg? 1181 brandschatzte Heinrich der Löwe die „Ertheneburg“, wie Manfred Blödorn, der den Vortragsabend moderierte, erläuterte. Und dann? Gab es einen Neuaufbau? Archäologisch wurde zu dieser Fragestellung noch nichts entdeckt.

Sicher ist aber, dass noch viele Schätze im Artlenburger Boden stecken. Christian Krohn zählte einige von ihnen auf: Fibeln, Schmucknadeln, Messer und sogar Schlüssel. Leider ist ebenso sicher, so monierte Uwe Westerhold, dass der Landkreis Lüneburg als Untere Naturschutzbehörde wenig Interesse an weiteren Ausgrabungen hat: „Artlenburg hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, nicht nur Bardowick.“

Von Silke Elsermann