Freitag , 30. Oktober 2020
Anatoli T. ist angeklagt, eine Frau in Belarus entführt und vergewaltigt zu haben. Foto: be

Aktenlücke legt Prozess auf Eis

Lüneburg. Hunderttausende Bürger demonstrieren, Polizisten knüppeln, der Diktator klammert sich an die Macht. Belarus ist ein Land in Aufruhr. Nadia D.* (34) ist aus Belarus nach Lüneburg angereist wegen des Aufruhrs in ihrem Innern.

Sie will gegen Anatoli T. (38) aussagen. Der Fensterbauer lebt in Celle, hat einen deutschen Pass, eine Ehefrau und ein zweijähriges Kind – und ein dunkles Geheimnis, folgt man der Anklage. Er soll Nadia D. vor neun Jahren zusammen mit einem Komplizen entführt, misshandelt und vergewaltigt haben. Dieser Komplize wurde zwischenzeitlich in Belarus zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Anatoli T. aber setzte sich in die EU ab. Sein deutscher Pass schützte ihn vor der Auslieferung. Nicht aber vor Strafverfolgung. Bei derartigen Kapitalverbrechen wird Justitia aktiv. Deshalb rutscht Nadia D. nun in Saal 12 des Landgerichts unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, sucht das Gespräch mit dem Dolmetscher. Wenige Augenblicke bevor die Richter den Saal betreten, die Saalklingel hat bereits alle Prozessbeteiligten zum Eintreten aufgefordert, betritt der Angeklagte den Raum. Die Blicke mit dem Opfer kreuzen sich nur für Sekundenbruchteile.

„Anspruch auf ein faires Verfahren“

Das reicht, damit Nadia D. die Fassung verliert. Zitternd wendet sie sich ab, wischt Tränen aus ihren Augen. Dann lässt sie den Dolmetscher fragen, ob sie in Abwesenheit des Angeklagten aussagen dürfe. „Das entscheiden wir gleich“, antwortet Richter Dr. Michael Herrmann, um unmittelbar darauf das Verfahren auszusetzen. Begründung: Die Kammer hat den Verdacht, dass ihr die belarussischen Behörden unvollständige Akten übersandt haben, insbesondere Aussagen des Verurteilten, die Anatoli T. entlasten könnten.

„Der Angeklagte hat Anspruch auf ein faires Verfahren“, betont Herrmann, „und dazu gehören vollständige Akten.“ Deshalb soll die belarussische Justiz, die derzeit vor allem mit Massenverhaftungen von Bürgern beschäftigt ist, nachliefern.

„Ich sage nichts, wenn er dabei ist“

Damit die Nebenklägerin die Anreise und die belastende Konfrontation im Gerichtssaal nicht umsonst auf sich genommen hat, vernehmen die Richter sie außerhalb des Verfahrens, zeichnen ihre Aussage auf Video auf. „Zumal wegen der politisch instabilen Lage in ihrer Heimat nicht sicher ist, ob die Zeugin zu einem neuen Termin wird anreisen können – oder wollen“, wie Herrmann begründet. Zur Vernehmung von Nadia D. wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Lieber hätte sie aber den Angeklagten des Saales verwiesen. „Ich sage nichts, wenn er dabei ist“, gibt sie den Richtern vor ihrer Beratung mit auf den Weg. Letztlich dürfte sie dann ihr Martyrium geschildert haben, denn der Angeklagte und sein Verteidiger verlassen erst gegen 12.30 Uhr das Gericht.

Was Nadia D. vor neun Jahren erlitt, steht in der Anklageschrift. Nüchterne Worte, die dennoch klar machen, was ihr keine Ruhe lässt. Danach sei die damals 25-Jährige am 26. Januar 2011 vor einer Disco mit dem ihr unbekannten Anatoli T. in Streit geraten. Er habe das Taxi gestoppt, in dem sie bereits saß, und sie in den Wagen seines Bekannten gezerrt. Das Duo fuhr mit der Frau in einen Wald, verprügelte sie aufs Brutalste, so dass das Opfer immer wieder ohnmächtig wurde. Immer wieder wurde sie vergewaltigt. Nach Stunden ließen die Täter die Frau mit schwersten Kopf- und Gesichtsverletzungen im Wald zurück.

Zum Auftakt des Prozesses hatte Anatoli T. geschwiegen. Jetzt liegt das Verfahren erst mal auf Eis, bis die belarussische Justiz die Lücken in den Akten aufgefüllt hat.

*Name geändert

Von Joachim Zießler

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