Samstag , 24. Oktober 2020
Einen fragenden Blick wirft Pflichtverteidiger Kay Gallowski auf seinen Mandanten Ali C. beim Prozess vorm Landgericht. Foto: be

Messerattacke mit vielen Versionen

Lüneburg. Täter oder Opfer? Wenn es nach Ali C. geht, vermutlich das Letztere. „Immer bin ich der Schuldige“, so jedenfalls sieht sich der 28-Jährige Zeugen zufolge, die am Dienstag im Prozess gegen den Somalier vorm Landgericht aussagten. Dem abgelehnten Asylbewerber wird versuchter Mord eines Mitbewohners in einer Asylunterkunft in Stelle zur Last gelegt. Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch wollte es genau wissen und hatte gleich sieben Zeugen und einen Sachverständigen geladen, dazu noch zwei Dolmetscher hinzugebeten.

Zeugen zeichnen ein anderes Bild

Er sei von Frank M. beleidigt worden, dieser habe sich an seinem Essen und seinen Getränken vergriffen, berichtete Ali C.. Eskaliert sei es am 15. April in der Unterkunft, als Frank M., ein 27-jähriger Schwarzafrikaner, unerlaubt Whisky des Angeklagten getrunken habe. Dabei sei es zu einem Streit gekommen, in dessen Verlauf Frank M. mit dem Glas nach ihm, Ali C., geworfen habe. Er selbst habe daraufhin ein Taschenmesser ergriffen und damit nach Frank M. geworfen, das ihn mit dem Griff an der Brust getroffen habe.

Beendet war der Streit damit aber noch nicht. Weil Ali C. sich von Frank M. bedroht gefühlt habe, habe er ein zweites Messer aus der Küche geholt. Geworfen habe er damit aber nicht, „ich wollte mich nur verteidigen, weil er mich geschlagen hat“, ließ er das Gericht wissen.

Dass er zuvor aber berichtete, Frank M. sei nach der ersten Attacke weggelaufen, veranlasste Richter Kompisch zu der Frage, wieso er sich dann bedroht gefühlt habe. Ali C.:“Ich konnte nicht mehr klar denken und habe mein eigenes Blut gesehen.“ „Und warum sind Sie hinter ihm hergelaufen?“, hakte Kompisch nach. „Weil er mich geschlagen hat.“ „Und deshalb glauben Sie, mit einem Messer nach ihm werfen zu dürfen?“, bohrte Kompisch weiter. „Soll ich mich einfach hinsetzen und abwarten, was passiert?“, fragte Ali C. zurück.

Immer wieder Erinnerungslücken

Die Aussagen der Zeugen – darunter der Hausmeister der Unterkunft, ein Sozialarbeiter, ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma und ein Polizist –, zeichneten unterm Strich ein etwas anderes Bild. So habe Ali C. mit einem Brotmesser geworfen. Und: Eine Verletzung des Angeklagten habe keiner der Zeugen wahrgenommen.

Gleich mehrere Zeugen, darunter auch Frank M., der erst unter Polizeieinsatz verspätet zur Verhandlung erschien, erklärten, der Angeklagte habe Frank M. mehrfach mit den Worten gedroht: „Ich bring‘ Dich um“ und „Ich schneide Dir die Kehle durch.“ So auch bei einem Vorfall am 16. März in einer Asylunterkunft in Tespe, bei der Ali C. einen Mitbewohner mit seinem Taschenmesser bedroht haben soll. Doch auch bei den Zeugen gab es immer wieder Erinnerungslücken, die bisweilen zu Widersprüchen führten oder teilweise erst durch Verlesen der Polizeiprotokolle aufgefrischt werden konnten.

Gutachter: Schuldfähigkeit nicht vermindert

Verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten schloss Gutachter Tobias Bellin aus. Die Mengen des Alkohol- und Drogenkonsums reichten dafür nicht aus. Auch mögliche Ausfallerscheinungen durch Alkohol am Tag des Streits sah er nicht. Allerdings sei Ali C. bereits elf Mal polizeilich aufgefallen.

Nach sechs Stunden Verhandlung, die nur durch zwei Pausen unterbrochen wurden, setzte Richter Kompisch einen Schlussstrich unter die Zeugenbefragung: „Mir reicht‘s.“ Am Donnerstag, 17. September, soll es um 9.30 Uhr mit den Plädoyers weitergehen.

Von Ulf Stüwe