Freitag , 30. Oktober 2020
Die Entnahmemengen für Feldberegnung und Trinkwasser sind fast gleichauf, im Vorjahr war der Anteil für die Felder noch doppelt so groß. Grafik: Özdemir

„Wir müssen gewarnt sein“

Lüneburg. Eigentlich sprechen Zahlen und Statistiken für sich. In manchen Fällen müssen sie aber richtig gedeutet werden. In diese Kategorie gehört die Grundwasserbilanz 2019 des Landkreises Lüneburg. Auf dem Papier ist alles in Ordnung: Die in Stadt und Kreis entnommene Menge Grundwasser liegt mit 29 Millionen Kubikmetern deutlich unter den genehmigten 38,7 Millionen Kubikmetern. Auch von 2013 bis 2017 war es so. Insgesamt wurden seit 2013 rund 75 Millionen Kubikmeter weniger Grundwasser entnommen als genehmigt. Das extreme Dürrejahr 2018 ist – zumindest bisher – eine Ausnahme: Hier überschritt die Entnahme die genehmigte Menge um rund 4,1 Millionen Kubikmeter. Also fast alles in bester Ordnung?

„Nein“, sagt Stefan Bartscht. „Die Lage hat sich seit 2018 nicht gewandelt. Die ausgedörrten Böden haben sich noch immer nicht erholt, die Grundwasser-Situation bleibt angespannt“, erklärt der Fachdienstleister Umwelt. Und das, obwohl die Landwirte im vergangenen Jahr nur halb so viel Wasser für die Beregnung ihrer Felder genutzt haben wie 2018. Zudem können sie auch einige oberirdische Gewässer anzapfen.

Alles andere als zufrieden

Allein aus dem Elbe-Seitenkanal wurden 2019 in Stadt- und Landkreis rund 560.000 Kubikmeter entnommen. Andere Gewässer sind nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Entnahme geeignet. Insgesamt wurde auch aus oberirdischen Gewässern nur halb so viel abgezapft wie ursprünglich genehmigt worden war.

Stadt und Land beziehen ihr kostbares Gut aus insgesamt fünf Wasserkörpern: Ilmenau Lockergestein links und rechts, Elbe Amt Neuhaus sowie Jeetzel Lockergestein links und rechts. Die Hauptentnahmelast entfällt aber auf die beiden Ilmenau Lockergesteine. Die im Bericht aufgelistete „nutzbare Dargebotsreserve“ beträgt 8,35 Millionen Kubikmeter. Nach Abzug alle Entnahmegenehmigungen wird diese Reserve ausgewiesen. Seit Jahren liegt sie bei rund 8 Millionen Kubikmetern. Diesen Wert hatte die Grünen-Kreistagsfraktion bereits im vergangenen Jahr als unrealistisch angezweifelt. „Dieselben Werte der Reserve gab es auch im feuchten Jahr 2017 und dem durchschnittlichen Jahr 2015“, kritisierte damals Michael Gaus, Vorsitzender des Umweltausschusses. Seither hat sich nichts geändert, jedes Jahr werden weiterhin die gleichen Werte angesetzt.

Lange Hitzeperioden

Auch Stefan Bartscht ist damit alles andere als zufrieden. Denn die Werte sind geschätzt und nicht ermittelt worden. Das geht auf einen Erlass der Landesregierung über die „Mengenmäßige Bewirtschaftung des Grundwassers“ von 2015 zurück. Unter Punkt 2, Grundwasserverordnung, heißt es unter anderem: „Entsprechend dem Ziel eines guten mengenmäßigen Zustands – bezogen auf die Bewirtschaftungseinheit der Grundwasserkörper – wurde das nutzbare Grundwasserdargebot unter Berücksichtigung der Kriterien landesweit mit einem Abschätzverfahren ermittelt. Dieser Bewirtschaftungsrahmen soll dazu beitragen, dass nicht durch einzelne Nutzungen oder die Summe von Nutzungen der gute mengenmäßige Zustand gefährdet wird.“

Genau dieser Zustand dürfte aber gefährdet sein. Der Klimawandel wird zu immer mehr stabilen Wetterlagen führen – und damit auch zu langen Hitzeperioden. Nicht nur Bartscht, sondern auch Mitglieder des Umweltausschusses und jede Menge andere Experten fordern daher dringend eine Aktualisierung der „Schätzung“. Dazu gehört auch die Forderung nach Offenlegung der Daten aus den vorhandenen Messstellen in Stadt und Kreis. Davon gibt es reichlich: insgesamt sind es 51 Messstellen-Gruppen mit 144 Messstellen und 8 Messstellen an Oberflächengewässern.

Das große Problem ist die Neubildung von Grundwasser. Längere Hitzeperioden im Frühjahr und Sommer, aber vor allem regenarme Winter reduzieren diese Neubildung drastisch. Neue Zahlen liegen nicht vor. Für Stefan Bartscht ist aber klar: „Wir müssen gewarnt sein“.

Von Werner Kolbe

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