Dienstag , 27. Oktober 2020
Storchenhorste im Landkreis Lüneburg 2020 – links der Elbe. Grafik: Nabu

Kein gutes Jahr für Adebar

Lüneburg. Wer an der Elbe sitzt, kann noch den einen oder anderen Storch beobachten, wie er den Fluss überfliegt. Viele Weißstörche sind es aber nicht mehr, die noch in der Region zu sehen sind. „Das sind durchreisende Vögel. Die Storchennester im Landkreis Lüneburg sind bereits verlassen, die Vögel ins Winterquartier abgereist“, berichtet Heinz Georg Düllberg von der vogelkundlichen Arbeitsgemeinschaft Lüneburg.

Der letzte Storch hat am ersten Sonntag im September die Gefilde Richtung Süden verlassen, meist geht es für die Tiere nach Spanien und Afrika. „Es war der Jungstorch aus Rullstorf, der als letzter losgeflogen ist.“ Inzwischen ist das Storchenjahr für den Landkreis ausgewertet. Düllbergs Fazit: „Es war kein gutes.“

Zwar fehlen die Daten für das rechtselbische Amt Neuhaus noch, doch Düllberg hat sich die von den Storchenbeauftragten Gundi und Hubert Horn für den linkselbischen Bereich zusammengetragenen Daten genau angeschaut. Die Tendenz ist klar. „Wir verzeichnen einen Rekord bei den Brutpaaren, aber einen nur bescheidenen Bruterfolg“, sagt der Ornithologe.

Drama am Nest in Mechtersen

In Zahlen ausgedrückt heißt das, die Anzahl der Brutpaare betrug 44, im Vorjahr waren es 36. Flügge gewordene Jungstörche gab es 67. Das sind acht weniger als 2019, als die Storchenbeauftragten 75 zählten. Statistisch bedeutet dies, je Brutpaar wurden 1,52 Jungstörche flügge, 2,08 waren es im vergangenen Jahr. „Das alles ist im Vergleich zum vorigen Jahr recht bescheiden“, bewertet Düllberg die Daten. Zumal es elf Paare gab, die vergeblich schnäbelten. Sie blieben ohne Nachwuchs. „Entweder waren die Eier nicht befruchtet oder die Jungen sind bei Revierkämpfen ums Leben gekommen.“

Ein Drama hat sich am Nest in Mechtersen abgespielt. Der Jung­storch dort war seit dem Tag seines ersten Ausflugs am 23. Juli verschollen und wurde später tot aufgefunden. Aber auch erfreuliche und unerwartete Geschichten hielt das Storchenjahr im Landkreis bereit. Zum Beispiel in Rullstorf. „Es grenzt schon an ein Wunder, dass die Störche das neue Nest in Rullstorf auf Anhieb angenommen haben und auch gleich ein Junges flügge wurde“, erzählt Düllberg. Zimmerermeister Andreas Sippel hatte nämlich im Frühjahr ein Nest auf den Giebel seines Firmengebäudes gesetzt. Mit Erfolg, wie sich zeigte. Düllberg: „Hoffentlich kommen die Tiere nächstes Jahr wieder.“

Rullstorf ist jetzt Storchendorf. Jürgenstorf ist es wieder. Denn nach fast einem Vierteljahrhundert der Abwesenheit landeten wieder Störche im Dorf. Und das gleich mit gutem Brut­erfolg: drei Junge schlüpften und überlebten.

Folgen für die Spätheimkehrer

Die Tendenz zu mehr Brutpaaren und weniger Jungen zeichne sich schon länger ab, Schwankungen inbegriffen, sagt Düllberg. Ihm wäre es lieber, wenn es anders wäre, mit weniger Paaren und mehr Jungvögeln, die durchkommen.

„Die Störche werden mehr, das Nahrungsangebot aber nicht“, gibt er zu bedenken. Zumal ein anderes Problem damit einhergehe. Für die jüngste Vergangenheit, die zunehmend von trockenen Frühjahren geprägt ist, gelte: „Die meisten Störche bei uns sind Westzieher und kehren immer früher zurück, so ab Februar. Das heißt, wer früh da ist, findet noch ein gutes Nahrungsangebot für den Nachwuchs, weil es noch nicht so trocken ist wie einige Wochen später.“

Das hat Folgen für die Spätheimkehrer. „Sie laufen Gefahr, nicht mehr genug Regenwürmer für die Jungen zu finden.“ Bevor der Nachwuchs nämlich Mäuse, Fische und Frösche fressen kann, benötigt er Regenwürmer bei der Aufzucht, als Voraussetzung dafür, um später die üppigeren Speisen vertilgen zu können. „Entscheidend für den Bruterfolg sind die ersten Wochen.“

Die größer werdende Zahl an Paaren führe darüber hinaus zu mehr Revierkämpfen, denen oftmals Jungtiere zum Opfer fallen, weil sie dabei tödlich verletzt werden.

Von Stefan Bohlmann