Dienstag , 27. Oktober 2020
Fast wäre das Strafmaß deutlich höher ausgefallen, wenn die Kammer heimtückisches Verhalten des Angeklagten hätte erkennen können. Foto: be

„Verdammte Nähe zur Heimtücke“

Lüneburg. Ein unschuldiges Opfer? Nein, diese Version wollte Franz Kompisch, Vorsitzender Richter am Landgericht, dem Angeklagten Ali C. partout nicht abnehmen. Rücksichtslos und provokativ gegenüber Mitbewohnern, kein Respekt vor Autoritäten, klarer Tötungsvorsatz, völlige Uneinsichtigkeit, keine Reue – zu viel sprach für Kompisch gegen den Somalier, der in zwei Asylunterkünften in Tespe und in Stelle gegen Mitbewohner vorgegangen ist. Das Urteil: Sechs Jahre und sechs Monate Haft.

Fast wäre das Strafmaß deutlich höher ausgefallen, wenn die Kammer heimtückisches Verhalten des Angeklagten hätte erkennen können. Weil ihm aber zugute gehalten wurde, dass zumindest er davon ausgegangen sei, dass sein Opfer mit der Tat rechnete, konnte die Kammer nur eine „verdammte Nähe zur Heimtücke“ ausmachen. „Sonst wäre es ganz schnell lebenslang gewesen“, machte Kompisch in der Urteilsbegründung deutlich.

Zu viele Ungereimtheiten

Dennoch lag das Strafmaß, in das neben den beiden Vorgängen in den Asylunterkünften noch vorangegangene Urteile der Amtsgerichte Winsen und Hamburg wegen Beleidigung eines Polizisten sowie wegen unerlaubten Besitzes und des Handels mit Drogen eingeflossen waren, noch über dem der Staatsanwaltschaft. Diese hatte sechs Jahre und drei Monate gefordert, Pflichtverteidiger Kay Gallowski lediglich sieben Monate und zwei Wochen. Zu viele Ungereimtheiten und Zweifel an den Darstellungen einiger Zeugen hätten aus dessen Sicht kein höheres Strafmaß gerechtfertigt.

Das aber sah die Kammer anders, die in ihren Feststellungen der Tatvorgänge den Zeugenaussagen folgte. So zeichnete Richter Kompisch das Bild eines jungen Mannes, der auf Kritik an seiner Person stets aggressiv reagiert und im Geschehen in der Asylunterkunft in Stelle erst mit einem Glas nach dem Opfer Frank M. warf und, weil er ihn nicht traf, einen zweiten Wurf mit einem langen spitzen Küchenmesser unternahm, das aber, wie berichtet, das Opfer nur mit dem Griff traf. Doch auch dann habe Ali C. noch nicht aufgegeben, sondern sei seinem Opfer nachgeeilt und habe erneut mit einem Küchenmesser zu einem Wurf ausholen wollen, was aber nur durch Umstehende verhindert werden konnte.

„Ich bringe Dich um“

Dass der Angeklagte sich stets als Opfer sehe, stimme aber nicht mit seinem Verhalten überein. Dazu gehöre auch, dass er sowohl bei der Bedrohung eines Mitbewohners in der Asylunterkunft in Tespe, der ihn wegen mangelnder Sauberkeit in dem gemeinsamen Zimmer angesprochen hatte, mit dem Zücken eines Taschenmessers reagiert und gerufen habe: „Ich schneide Dir den Kopf ab.“ So auch in Stelle, wo er seinem Opfer gedroht habe: „Ich bringe Dich um.“ All dies weise laut Kammer auf einen eindeutigen Tötungsvorsatz hin.

Zu Gunsten des Angeklagten konnte die Kammer lediglich werten, dass Ali C. das „objektive Geschehen“ eingeräumt habe. Eine Schutzwürdigkeit oder Umstände, die schuldmindernd wirkten, habe das Gericht aber nicht erkennen können. Richter Kompisch: „Ich kann für Sie nur hoffen, dass Sie nach Verbüßen der Hafthälfte in Ihre Heimat abgeschoben werden.“

Von Ulf Stüwe

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