Dienstag , 27. Oktober 2020
Matthias S. und seine Anwälte. Foto: Michael Behns

Prozess gegen Kinderschänder: Befangenheitsantrag gegen Vorsitzenden Richter

Lüneburg. Im Prozess gegen Matthias S. (52), einen geständigen Kinderschänder aus Uelzen, gab es einiges, was schockierte. Etwa, dass er die Tochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin über vier Jahre missbrauchte. Dass er das anfangs elf Jahre alte Kind unter Drogen setzte und filmte, während er es vergewaltigte. Dass er nicht zugeben mag, junge Mädchen in seiner „Model-agentur“ mit einer versteckten Kamera beim Umziehen gefilmt zu haben. Dass er nichts sagt zu dem Vorwurf, als Busfahrer ein Mädchen entkleidet und gefilmt zu haben. Und er schweigt zu dem Vorwurf, in öffentlichen Bädern – auch in Winsen – mit einer Unterwasserkamera junge Mädchen und sich beim Onanieren gefilmt zu haben. Dass er sich mit einem Dresdner zur Vergewaltigung von Kindern in Tschechien verabredete.

Seine Verteidigerin, Rechtsanwältin Franziska Mayer, war bei der letzten Verhandlung über etwas anderes „schockiert“. Nämlich, dass die Kammer Zeugen geladen hatte, die etwas zur Person des Angeklagten aussagen könnten, obwohl der psychiatrische Gutachter nicht mehr im Prozess anwesend war. Das Landgericht hatte sich zu diesem Schritt entschieden, weil der Angeklagte mauert, nicht mal Angaben zu seinem Lebensweg machen wollte.

Der Vorsitzende Richter Thomas Wolter bot der Verteidigung an, dass der Sachverständige die Zeugen nachträglich erleben könnte, falls diese relevante Angaben machten. „Nicht ausreichend“, befand die aus drei Anwälten bestehende Verteidigung, stellte umgehend einen zuvor ausgearbeiteten Befangenheitsantrag gegen Wolter. Begründung: Dessen Fragen hätten nahegelegt, dass er – anders als der Psychiater – einen Hang des Angeklagten zur Pädophilie „feststellen wolle“. Der Staatsanwalt nannte diese Prozesstaktik „befremdlich“. Und: „Würde der Richter keine Fragen stellen, wäre es bedenklicher.“

„Ich habe ihm grenzenlos vertraut“

Statt eines möglichen Prozessendes brachte der Freitag also eine neue Wendung in dem Fall. Nun müssen die beiden Berufsrichter der 2. großen Jugendkammer – ohne Wolter – unter Hinzuziehung eines weiteren Richters über das Befangenheitsgesuch entscheiden. Würde es als begründet erachtet, müsste das Verfahren mit einem anderen Richter neu starten.

Rechtsanwältin Mayer nannte es „grenzwertig, was mein Mandant und ich uns hier anhören müssen“. Grenzwertig, ja sogar schockierend waren die Aussagen von Zeugen. So berichtete Ralf D. (54), der Matthias S. seit der Einschulung kennt, dass dieser in Bad Nauheim als Bademeister gearbeitet hat. Der Mann, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, Unterwasservideos mit den Titeln „Oh yes 1 – 4“ von jungen Mädchen gedreht und dabei onaniert zu haben.

Sonja H. (46) ging im Alter von 16 Jahren eine Beziehung zu dem Angeklagten ein – der damals 23 war. Nach einem Jahr beendete er die Beziehung, aber man hatte noch Sex. Weshalb er auch glaubte, dass die vier Jahre später geborene Tochter sein Kind wäre. Ein Vaterschaftstest schloss das aus. Zu diesem Kind hielt Matthias S. den Kontakt, fuhr mit ihr ins Schwimmbad und sogar in den Urlaub. „Ich habe ihm grenzenlos vertraut“, sagte Sonja H. Dieses Mädchen war es, das Matthias S. später unter Drogen setzte und wiederholt vergewaltigte.

Von Joachim Zießler

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