Dienstag , 27. Oktober 2020
Erweitert und modernisiert werden muss die Schäfer-Ast-Schule in Radbruch. Auch in Vögelsen gibt es Handlungsbedarf. Foto: be

„Kirchturmpolitik explodiert“

Radbruch/Vögelsen. Heiß diskutiert werden derzeit Überlegungen zu den Grundschulstandorten Radbruch und Vögelsen. Vor allem die Zusammenlegung an einem Standort lässt die Emotionen hochkochen. Hintergrund ist der für 2025 geplante Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz an Grundschulen. An beiden Schulen war ein Ganztagskonzept bislang kein Thema. Doch nun müssen sich Kollegien und Samtgemeindeverwaltung damit auseinandersetzen.

Dazu will Bardowicks Samtgemeindebürgermeister Heiner Luhmann eine „ganz breite Diskussion anstoßen“, um das Für und Wider verschiedener Optionen abzuwägen. An beiden Schulen gibt es schon jetzt Optimierungs- oder Erweiterungsbedarf. Vor allem die Grundschule Radbruch platzt aus allen Nähten. Investiert werden müssen Millionen. Bei Einführung der Ganztagsschule stiege der Raumbedarf an beiden Standorten noch einmal deutlich – und mit ihm das Investitionsvolumen.

„Kurze Beine, kurze Wege“

Daraus ergeben sich für Luhmann drei Möglichkeiten: Umbau und Erweiterung der bestehenden Gebäude, Neubau an beiden Standorten – oder ein gemeinsamer Grundschul-Neubau für die Orte Mechtersen, Radbruch und Vögelsen, Standort: offen. „Für jede der drei Optionen gibt es gute Argumente dafür und dagegen. Diese sollten sorgfältig abgewogen werden“, sagt der Verwaltungschef. Der von ihm favorisierte Weg: Eine Steuerungs- und mehrere Arbeitsgruppen könnten innerhalb eines Jahres die Grundlage für eine Entscheidung schaffen. Eingebunden werden sollten alle Akteure: von der Kommunalpolitik über Verwaltung und Schulen bis hin zu Eltern und Landesschulbehörde. Bürgermeister, Schulleitungen, Samtgemeindeausschuss und Elternvertreter waren bereits informiert, im Oktober sollte die Steuerungsgruppe das erste Mal tagen.

Ob dieser Fahrplan weiter gilt ist unklar. Denn „die Kirchturmpolitik ist sofort explodiert“, wie Rathauschef Luhmann es nennt. Bereits am vergangenen Donnerstag hat sich der Gemeinderat Radbruch auf Antrag der SPD einstimmig dafür ausgesprochen, den Schulstandort Radbruch zu erhalten. Zur Begründung heißt es unter anderem: „Vor diesem Hintergrund hat sich die Verwaltungsleitung der Samtgemeinde entschlossen, einen Plan für die Zusammenlegung der Schulen zu entwickeln.“ Und auch Vögelsens Bürgermeisterin Silke Rogge hat sich klar positioniert: Unter dem Motto „kurze Beine, kurze Wege“ will sie die Schule im Dorf lassen.

Diskussion unter Vorzeichen der Kommunalwahl 2021

Beschlossen ist laut Luhmann noch lange nichts. „Wir wollen alle Optionen ergebnisoffen diskutieren und abwägen, das sollte gemeinsam mit allen Beteiligten geschehen.“ Sein Urteil: „Die Politik hat schon den fünften Schritt gemacht, wir als Verwaltung noch nicht mal den ersten.“

Trotz der Entscheidung des Rates will Radbruchs Bürgermeister Rolf Semrok den Dialog über die Zukunft der Grundschulstandorte führen. „Ich bin zwar davon überzeugt, dass die Schulen in die Dörfer gehören, aber es wäre schade, wenn es Denkverbote geben würde.“ Zunächst möchte Semrok wissen, „was eine Ganztagsschule für Radbruch überhaupt bedeutet“.

Das Problem aus Sicht von Rathauschef Luhmann: Die Diskussion wird bereits unter den Vorzeichen der Kommunalwahl im kommenden Jahr geführt. „Natürlich wollen sich die Parteien hier positionieren.“ Doch darauf könne die Verwaltung keine Rücksicht nehmen. „Sonst sind wir bis 2025 sicherlich nicht so weit, den Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz an allen Grundschulen in der Samtgemeinde erfüllen zu können.“

Gestern Abend hat sich bereits der nicht öffentliche Samtgemeindeausschuss mit der Standort-Debatte befasst, heute Abend dürfte auch der Samtgemeinderat Bardowick über die Grundschulen Radbruch und Vögelsen diskutieren. Die Sitzung beginnt um 19 Uhr im Bardowicker Schützenhaus (siehe links).

Von Malte Lühr