Dienstag , 27. Oktober 2020
Immer im Dialog: Mitglieder der „Teerunde“ untereinander und mit Johanna Gebhard (5.v.r.) als Überbringerin der Spende. Foto: t&w

Den Dialog zwischen Religionen fördern

Lüneburg. Sprach- und Fassungslosigkeit – bei vielen war das die erste Reaktion nach dem terroristischen Anschlag von Islamisten auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ vor fünf Jahren. Eine der Folgen: Neben den politischen Verhärtungen drohte auch der Dialog zwischen den Religionen abzureißen. Dies zumindest in Lüneburg zu verhindern, war Ziel der kurz darauf ins Leben gerufenen „Teerunde der Religionen Lüneburg“. Jetzt wurde eine erste Bilanz gezogen.

„Unsere Erfahrungen aus den Teerunden, aber auch die Resonanz, die wir auf unsere Treffen von Dritten bekommen haben, zeigen uns, dass diese Zusammenkünfte wichtig sind“, fasst Superintendentin Christine Schmid das Ergebnis aus den ersten fünf Jahren zusammen. Denn dass die Runde auch weiterhin bestehen soll, steht außer Frage, „die Gesellschaft wünscht das“.

Aufforderung zum Mitmachen

Wie wichtig diese Zusammenkünfte sind, zeigte sich schon wenige Monate nach „Charlie Hebdo“, als im Herbst 2015 Hundertausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen. In dieser Situation kulturelle, vor allem aber religiöse Vorbehalte abzubauen, sei eines der zentralen Themen gewesen. Schmid: „Frieden allen Menschen. Keine Gewalt und kein Töten im Namen Gottes. Kein Hass und keine Ausgrenzung. Respekt und Offenheit für alle Menschen. Dies sind die vier Grundbotschaften unserer Runde.“

Zum Mitmachen eingeladen wurden alle in Lüneburg vertretenen monotheistischen Religionsgemeinschaften, darunter die acht Vertreter der verschiedenen Glaubensrichtungen aus Christentum, Islam und der Bahai-Religion. „Dass die Juden nicht dabei sind, bedauern wir sehr“, sagt Schmid. Seit dem Holocaust hat sich in Lüneburg noch keine jüdische Gemeinde wieder gebildet.

Alle sechs bis acht Wochen kommt die Teerunde zusammen, einmal pro Jahr in großer Runde im Glockenhaus. Dann steht ein Thema im Mittelpunkt, zuletzt das „Gebet“. Auch eine gemeinsame Postkarte mit Friedensgrüßen und ein gemeinsamer Neujahrssegen ging schon aus der Runde hervor.

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Die „vertraute und ungeschützte Atmosphäre“, wie Pastorin Annegret Bettex von der St.-Michaelis-Gemeinde es nennt, ist für viele Mitglieder der Runde ganz besonders wichtig. Filiz Güven von der Ditib-Gemeinde begrüßt, dass es „keine Unterschiede“ in der Runde, aber viele Gemeinsamkeiten gibt. Sie würde sich aber auch über mehr Gespräche außerhalb der Teerunde wünschen.

Mohannad Hainayef von der Sahaba-Gemeinde erfährt die Zusammenkünfte als wichtigen Ort, um „Hindernisse zwischen den Religionen abzubauen“.

„Der Impuls nach dem Anschlag für die Einrichtung dieser Teerunde war wichtig, aber er dominiert unser Zusammensein jetzt nicht mehr“, zieht Martin Hinrichs, Pastor der ev.-reformierten Kirche, Bilanz.

Für Günter Jepsen von der muslimischen Sufi-Gemeinde steht das Gemeinsame im Vordergrund. „Etwa beim Thema Nachhaltigkeit, denn der Erhalt der Schöpfung gilt in allen Religionen.“

Miteinander statt übereinander sprechen

Hanno Lenk als Vertreter der Bahai-Religion schätzt an den Runden, „dass man mehr miteinander statt übereinander spricht“. „Fragen stellen dürfen und Antworten bekommen“, das steht für Najeeb Ahmad von der Ahmadiyya-Jamaat Gemeinde im Mittelpunkt. Und: „Ich habe gelernt: Die anderen beten genauso wie wir.“

Eine „Würdigung der Arbeit zur Förderung des Inneren Friedens“ nannte Johanna Gebhard die Lüneburger Teerunde. Im Namen der Friedensstiftung Günter Manzke überreichte sie der Runde kürzlich eine Spende in Höhe von 1000 Euro anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Stiftung.

Von Ulf Stüwe