Dienstag , 27. Oktober 2020
Ein Schild mit der Aufschrift "Landgericht Lüneburg", in Lüneburg am Haupteingang des Landgerichtes. Foto: Philipp Schulze/dpa

Angeklagter bittet für Prügel um Entschuldigung

Lüneburg. Als ein Bild ihres geschwollenen Gesichtes über den Bildschirm in Saal 21 flimmert, senkt Sabine Müller (Name geändert) den Kopf. So bleiben ihr die Bilder von den Würgemalen am Hals und den Bissspuren auf ihrem zerschundenen Körper erspart.

Von wem sie so zugerichtet wurde, weiß die 25-Jährige: von ihrem ehemaligen Partner Hüseyin M. Der Celler ist vor dem Landgericht unter anderem wegen Vergewaltigung und schwerer Körperverletzung angeklagt. Die Schläge räumt der Deutsche ein, die Vergewaltigung bestreitet er. Er habe vielmehr sogar den Wunsch der Frau nach Versöhnungs-Sex abgelehnt. Rechtsmedizinern Dr. Anne Albers stellte allerdings Samenflüssigkeit im Körper der Frau fest.

Sabine Müller weiß zwar noch, wann ihr Stunden währendes Martyrium begann: Ihr Ex stand am 29. Oktober gegen 2 Uhr morgens vor ihrem Bett in ihrer Celler Wohnung. Vermutlich hatte er zuvor ein defektes Fenster aufgedrückt.

„Ich habe mich bemüht, alles zu verdrängen“

Ein Problem für die 1. Große Strafkammer zeigte sich bei der Vernehmung der Zeugin: „Ich hab mich bemüht, alles zu verdrängen.“ In der Folge kann sie sich nicht an die zeitliche Abfolge von Faustschlägen, Tritten, der mutmaßlichen Vergewaltigung erinnern. Gestern widersprach sie in einigen Punkten massiv ihrer Aussage vor einem Jahr vor der Polizei. Am Montag sagte sie, dass der 25-Jährige ihr den Mund zugehalten habe, als die von der Schwester des Opfers nach einer Hilfe-SMS alarmierte Polizei mit Taschenlampen in die Wohnung leuchte. Vor der Polizei hatte sie ausgesagt, aus Angst geschwiegen zu haben.

Die Widersprüche in ihrer Aussage waren so groß, dass die beiden Verteidiger des Angeklagten sogar darauf verzichteten, das Opfer noch selbst zu befragen. Die Anwälte sind Prominente ihres Fachs: Der Hannoveraner Dirk Schoenian wurde durch seinen Kampf für die Rückkehr von IS-Waisen bekannt. Sein Kollege Dr. Carsten Ernst verteidigte unter anderem den Foltermörder von Höxter und die Schwester von Arzu Özmen, die diese mitentführt hatte, sodass ihr Bruder sie erschießen konnte – ein sogenannter „Ehrenmord“ unter Jesiden. Schwer vorstellbar, dass Hüseyin M., der nach seinem Hauptschulabschluss wegen starken Drogenkonsums keine Ausbildung gemacht hatte und nur gelegentlich jobbte, die Juristen aus eigener Tasche bezahlen kann.

Opfer schon drei Mal umgezogen

Familiäre Unterstützung hat der Angeklagte auf den Zuschauerbänken, wo einige seiner Schwestern sitzen. Als eine von ihnen Montag im Prozess fotografierte, ließ der Vorsitzende Richter Dr. Michael Herrmann alle Handys konfiszieren.

Sabine Müller fühlt sich als Opfer trotzdem auf verlorenem Posten. „Die sind in Celle ja überall.“ Drei Mal ist sie seit der Tat schon umgezogen. Inzwischen ist sie arbeitslos: „Mein Schichtleiter hatte von mir verlangt, dass ich dafür sorge, dass der Junge aus dem Knast kommt.“

Doch dagegen stemmt sie sich. Sie habe es zwar lange erduldet, immer wieder von ihrem Ex grün und blau geschlagen zu werden, doch „jetzt will ich, dass er für seine Tat bestraft wird.“ Noch heute hat Sabine Müller Albträume und Probleme mit ihrem geplatzten Trommelfell. „Und die Narben in meinem Gesicht kann ich nicht überschminken.“

Von Joachim Zießler