Dienstag , 27. Oktober 2020
Die Ärztin Dr. Siegrun Hogelücht steuert mit einem Holzfloß über die Elbe und erklärt ihren Fahrgästen Flora und Fauna. Foto: geo

Mutmacher: Von der Ärztin zur Flößerin

Rosien. Es war mal wieder eine Nachtschicht, in der passierte, wovor sie immer Angst gehabt hatte. Sie war allein auf ihrer Station im Krankenhaus, als eine alte Dame eingeliefert wurde. Lungenentzündung. Siegrun Hogelücht hatte noch nicht einmal entschieden, wie die Patientin behandelt werden sollte, da war sie schon tot. Und sie als Ärztin hatte der Frau nicht helfen können.

Zwar erfuhr Siegrun Hogelücht am nächsten Tag, dass die 93-Jährige bereits eine Embolie gehabt und schon lange das Essen verweigert hatte. Zwar sagte ihr Oberarzt am nächsten Tag zu ihr, dass man mit über 90 Jahren durchaus sterben darf. Für die junge Ärztin aber fühlte sich der Tod der alten Dame so an, als hätte sie ihn verhindern können. „Es ist, als wäre sie mir unter den Händen weggestorben“, sagt Siegrun Hogelücht heute, 20 Jahre später.

„Ich hatte Angst. Angst, dass ich einen Fehler mache.“

Genau dieses Gefühl war es, das sie vor Nachtdiensten immer schon Tage vorher nicht mehr richtig schlafen ließ. „Ich hatte Angst. Angst, dass ich einen Fehler mache. Dass ich mich für die falsche Behandlung entscheide. Ich war todunglücklich.“ Als Siegrun Hogelücht davon erzählt, von ihrer Zeit als Ärztin im Praktikum im Krankenhaus Ochsenzoll, sitzt sie am Steuer eines Floßes und tuckert mit dem motorisierten Gefährt in aller Seelenruhe über die Elbe. Denn der Medizinerin war noch vor dem Ende ihrer Promotion klar: Dieser Beruf, der wird sie umbringen. Ihr Vater starb an seinem dritten Herzinfarkt, da war die kleine Siegrun gerade eingeschult. Auch er war Arzt, und der Tochter wurde noch während ihrer Anfangszeit im Krankenhaus klar: „Ich werde ihm folgen, wenn ich weiter als Ärztin arbeite.“

Dabei war ihr Plan ganz klar: Den Facharzt für Allgemeinmedizin wollte Siegrun Hogelücht nach ihrer Klinik-Zeit auf das Studium satteln, mit dem Schwerpunkt Naturheilverfahren. Sie arbeitete keine zwei Jahre in ihrem Beruf, da warf sie ihre Lebenspläne über Bord.

Die Reaktion der Familie war hart. Ihre Tante verweigerte ihr das versprochene Geschenk zum Abschluss ihrer Zeit als Ärztin im Praktikum. „Kein Mensch hat verstanden, warum ich Medizin studiert habe und dann nicht als Medizinerin arbeiten will“, sagt die Frau auf dem Floß. „Ich habe denen dann gesagt: Wenn nachts mein Pieper geht und ich entscheiden muss, was ich mit einem Ohnmächtigen mache – und das dann vielleicht das Falsche ist: Dann schlaft ihr in der Zeit.“

Entscheidung gegen ein Leben in der Großstadt

Das war der Moment, in dem Siegrun Hogelücht radikal wurde. Sie entschied sich gegen das Krankenhaus und für das Büro ihres Mannes, der Unterstützung in seiner Selbstständigkeit gebrauchen konnte. Und dann entschieden sich die beiden noch gegen das Leben in der Großstadt.

Im Hamburger Schanzenviertel hatten sie gelebt, die Internationalität, den Trubel, das Leben dort genossen. Bis sie dessen müde wurden. Es war 1999, und die Gegend südöstlich von Hamburg, rechts der Elbe, bot nicht nur schnuckelige Dörfer inmitten idyllischer Landschaft, sondern auch günstige Immobilien. Das Hamburger Pärchen erwarb einen Resthof von 1801, Fachwerk und Reetdach, in Rosien, dem 100-Einwohner-Dorf in Amt Neuhaus, und Siegrun Hogelücht fing ihr Leben noch einmal von vorne an. Beendete zwar noch ihre Doktorarbeit, begann aber kurz darauf in der Tourist-Information im Nachbarort Neuhaus zu arbeiten, dem Haus des Gastes. Machte eine Ausbildung zur Natur- und Landschaftsführerin im Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue, bekam eine halbe Stelle im Archezentrum Amt Neuhaus mit Ausstellung und Informationen zu bedrohten Nutztierrassen – und legte die Prüfung zum Bootsführerschein ab. Schließlich bietet sie ihre Naturführungen am liebsten auf einem Holzfloß auf der Elbe an. Startpunkt ist der Fähranleger in Darchau.

Die Entscheidung, nicht mehr als Ärztin zu arbeiten, die hat sie nie bereut. Auch wenn andere das nicht verstehen mögen: die hohe Qualifizierung, das aufwendige Studium. Siegrun Hogelücht aber ist sich sicher: „Ich bin jetzt 55 Jahre alt. Mein Vater wurde nur 50, und mir wäre es wie ihm ergangen: So, wie ich mit dem Beruf umgehe. Schon als Kind wusste ich: Meine Zeit kommt als ältere Erwachsene.“ Und deswegen liebt die Flößerin jedes Jahr, das sie älter wird. Denn je älter sie wird, desto glücklicher wird sie. Und ob sie ihren Fahrgästen nun als Medizinerin oder als Biologin von Bibern und Störchen erzählt, das sei doch fast egal.

Von Carolin George