Dienstag , 27. Oktober 2020
Mattis, Marko, Janne und Uta Zielske in ihrem Garten in Scharnebeck. Foto: t&w

Lohn für den Mut zur Veränderung

Scharnebeck. Wer etwas verändern will, wer sich selbst verändern will, der braucht Mut. „Diesen Mut hatten wir. Und es hat sich für uns gelohnt. Auch, wenn es nicht immer einfach war“, sagt Uta Zielske. Ihr Ehemann Marko nickt zustimmend: „Für uns war das ein Glücksfall.“ Dieser „Glücksfall“ war für sie die deutsche Einheit vor 30 Jahren, verbunden mit dem Mauerfall zuvor im November 1989.

1992, nicht ganz zwei Jahre nach der Einheit also, kamen Uta und Marko Zielske aus dem sächsischen Weißwasser in diese Region. Eine entscheidende Rolle spielte dabei der Sport. Marko Zielske heuerte wie viele Spieler vom ES Weißwasser zu dieser Zeit beim TSV Adendorf als Eishockeyspieler an.

„Ich musste beruflich nichts aufgeben“

„Eigentlich war ich schon mit den Schalker Haien so gut wie einig“, erzählt Marko, „aber dann habe ich es doch nicht gemacht. Warum, weiß ich gar nicht mehr genau. Eines Tages stand Jürgen Franke, der damals schon in Adendorf war, bei uns vor der Tür und fragte, ob ich in Adendorf mal ein Probetraining machen wolle.“ Er wollte. Es war der Anfang seines neuen Lebens. Von Weißwasser nach Adendorf, vom ES zum TSV, von Ost nach West, neues Umfeld, andere Menschen – im Wirbel der damaligen Zeit war das für ein junges Paar (19 und 18), das gerade mal ein Jahr zusammen war, nicht einfach zu verkraften. Aber Uta und Marko Zielske haben es gewagt. „Ich musste beruflich nichts aufgeben. Es war ja ohnehin eine Zeit, in der auch viele Freunde und Bekannte woanders hingingen. Wenn es nicht geklappt hätte, wären wir eben zurückgekehrt“, erzählt Uta, von Beruf Reiseverkehrskauffrau. Sie hatte im staatlichen Reisebüro der DDR gearbeitet, sah dort aber keine berufliche Perspektive. Sie fand schnell eine Stelle in ihrem Metier, arbeitet auch heute noch in dieser Branche.

Marko Zielske hatte im Braunkohle-Kraftwerk Boxberg in der Oberlausitz als Schlosser gearbeitet. Er fand dann in Adendorf zunächst über den Sport eine Arbeitsstelle, schulte 1995 um und ist heute als Kundenberater in einer Bank in Adendorf tätig.

Dem im Eishockey-Sport üblichen Nomadentum gab er sich nicht hin. Von 1992 bis 1997 und 2000 bis 2008 stürmte „Zille“ in Adendorf (TSV und AEC), nur die drei Jahre dazwischen passte es mal nicht mit den Vorstellungen des damaligen AEC-Vereinschefs und er ging, wie einige andere Spieler auch, nach Harsefeld. Schließlich zog es ihn wieder zurück.

„Wir sind sehr bodenständig“

„Wir sind keine Wandervögel“, sagt er, „wir wissen zu schätzen, was wir hier haben. Den Sport, die Lebensqualität, die Freunde.“ Das alles half ihnen in ihrer neuen Heimat zu Beginn der 1990er-Jahre von Anfang an. Sie fassten schnell Fuß. „Wir sind sehr bodenständig. Und die Leute hier waren total nett zu uns“, erzählt Uta.

Heute leben Uta und Marko Zielske mit ihren Kindern Mattis (13) und Janne (9) in einem schmucken Einfamilienhaus mit Garten in Scharnebeck – ein Familienidyll, im besten Wortsinne. Lohn für den Mut, einen radikalen Neuanfang in einer damals völlig fremden Umgebung gewagt zu haben.

Die deutsche Einheit ist nun 30 Jahre alt – oder jung. Aus heutiger Sicht sagt Marko, mittlerweile 48 Jahre alt – oder jung: „Es gab viele No-Gos in der DDR. Zum Beispiel, dass man nicht aus dem Land durfte. Aber die Freundschaften, die Solidarität unter den Menschen, das war schon gut. Aber ich bin schon lange glücklich darüber, das Leben zu leben, das wir leben möchten. Mit einem Beruf, der mir Spaß macht, in einer Region, wo das Leben lebenswert ist.“

„Ja, wir sind Wende-Gewinner“

Eine Rückkehr irgendwann einmal nach Weißwasser kann er sich nicht vorstellen. Im vergangenen Jahr ist sein Vater verstorben, seine Mutter lebt mittlerweile nicht mehr in seinem Elternhaus. „Es ist nicht mehr die Stadt, in der ich einmal aufgewachsen bin“, sagt er. Und mit einem Grinsen im Gesicht fügt er hinzu: „Bloß gut, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist. Sonst würde ich heute irgendwo in der Platte wohnen, im Kraftwerk Boxberg arbeiten und hätte eine Riesenplauze.“

Für Uta Zielske war das Ende der DDR in der Rückschau folgerichtig: „Seine eigenen Leute einsperren, das ist doch bescheuert. Dass das nicht ewig funktioniert, hätte doch jedem klar sein müssen.“ Zur Einheit sagt sie: „Für uns war es ein Volltreffer, nur positiv. Ja, wir sind Wende-Gewinner.“ Auf die Palme bringen sie Menschen, die alles schlecht reden: „Man kann nicht nur rumsitzen und meckern. Dann müssen die Leute eben den Hintern hochkriegen und etwas in ihrem Leben verändern.“

So, wie es die Zielskes vor fast 30 Jahren getan haben.

Von Matthias Sobottka