Dienstag , 27. Oktober 2020
In der ehemaligen Gaststätte Gasthaus Reinstorf ist das One World. Dort finden immer wieder kulturelle Veranstaltungen statt. Foto: t&w

Große Klasse, kleine Kasse

Reinstorf. Auf der linken Seite am Flügel Manfred Maurenbrecher, der Promovierte unter den profilierten deutschen Liedermachern. Das Haar spiddelt dem 70-jährigen Berliner auf die Schulter, er ist ein Mann des textgewaltigen Sprechgesangs. Auf der rechten Seite am Keyboard George Nussbaumer (57) vom Vorarlberg, ein Sänger mit umwerfend kolossaler Stimme zwischen Blues und Soul. In der Mitte Richard Wester (64) aus einem Dorf bei Flensburg, Musiker durch und durch, als Saxofonist von BAP bis Lindenberg gefragt. Drei Männer, drei Programme, zwei und eine halbe Stunde Musik im One World – ein wunderbarer Abend!

Der Sound eines ganzen Kontinents

Das Trio hat nach sieben Jahren Pause ein Projekt recycelt, mit dem es dem großen amerikanischen Singer/Songwriter Randy Newman huldigt, mal ernst, mal ironisch, mal sanft und immer mit Respekt. Als „Randy Newman Projekt“ harmonieren drei Individualisten, die sich zuvor aber Raum für die eigenen Projekte nehmen. „Something Special“ nennen Nussbaumer/Wester ihr Programm, das Blues, Jazz, Soul bietet, auch Newman-Songs wie „Short People“ covert. Von seiner Arbeit mit afrikanischen Musikern erzählt Wester, und dann imitiert das Duo nur mit der Stimme den Sound eines ganzen Kontinents – oder raunt das was Alpenartiges mit oder was aus dem Schilf an der Ostsee?

Maurenbrecher stellt Songs aus seinem neuen Album „Inneres Ausland“ vor. „Manchmal“, sagt er, „schreiben sich Lieder wie von selbst. Aber man darf sich nicht drauf verlassen.“ Maurenbrecher ist unendlich erfahren, er hat alles kassiert, was es an Preisen zu holen gibt. Sein Werk ist riesig: In der harten Corona-Phase spielte er 150 seiner Lieder per Stream. Nun hat er neue dabei, seine Stimme knarzt und schnarrt Texte zwischen Weltuntergang und schwarzem Humor.

Sie sind allein und im Duo gut, als Trio eine Wucht. Sie nehmen sich nicht nur, aber besonders die großen Hits von Randy Newman vor, von „Guilty“ über „Lonely At The Top“ bis „Baltimore“. Sie spielen die Originale nicht einfach nach, auch wenn Nussbaumers Stimme den Newman-Klang perfekt trifft, wann immer er will.

Der Österreicher singt den Originaltext. Maurenbrecher liefert eine mehr oder weniger genaue Übertragung ins Deutsche. Sie sezieren zum Beispiel in aller Ruhe das Stück, das Joe Cocker zum Welthit machte: „You Can Leave Your Hat On“. Mal bissig, mal melancholisch, mal sarkastisch, mal liebevoll, zu allem findet Richard Wester die verbindenden Klangfarben. Er spielt die Saxofon-Familie mit Power und Feinfühligkeit, lässt die Querflöte schwelgen oder in Jethro-Tull-Manier rocken. Wester macht den Abend rund.

Politisches und traurige Liebeslieder

Randy Newmans sind politisch, zum Ende hin werden die poetischeren ausgepackt und die traurigen Liebeslieder – an einem Abend, an dem eigentlich nur eines traurig war: Maurenbrecher/Nussbaumer/Wester verdienen volle Häuser. Das war an diesem One-World-Abend ganz und gar nicht so, aber besser als in Uelzen – da kamen 16 Besucher.

Bleibt zu hoffen, dass sich das Haus hält. Wegen seiner One-World-Philosophie und wegen seines Musikprogramms, das aktuell das profilierteste der Region ist. Heute, Freitag, 20 Uhr spielt das Jazztrio der Pianistin Makiko Hirabayashi, am Schlagzeug Marilyn Mazur, die u.a. mit Miles Davis tourte. Morgen Sonnabend, zeigt um 20 Uhr das junge Jazzduo Cleo & David, wie sich die Musik von Ella Fitzgerald und Joe Pass ins Hier und Heute tragen lässt.

Von Hans-Martin Koch