Samstag , 31. Oktober 2020
Die Selbsthilfegruppe „Wortblind“ mit Begleiterin Stefanie Voß-Freytag (r.) macht Tina Meyer, Jutta Schmidt und Uwe Boldt (v. l.) Mut in ihrem Alltag als funktionale Analphabeten. Foto: t&w

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

Lüneburg. Einkaufen gehen ist eine Herausforderung. Zumindest für all die Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Wie unterscheidet man schon den Plastikbecher des Sauerrahms von dem der Sahne oder die Curry-Gewürz-Dose von Kurkuma? Und wie sieht man Fertigprodukten ihre Inhaltsstoffe an? Das sind nur wenige von vielen Fragen und Problemen, mit denen Analphabeten im Alltag konfrontiert sind. Jutta Schmidt, Tina Meyer und Uwe Boldt sind selbst davon betroffen. Dank der Selbsthilfegruppe „Wortblind“ der Volkshochschule (VHS) haben sie gelernt, mit ihrer Schwäche umzugehen – und anderen Menschen Mut zu machen.

„Den Menschen macht nicht nur Lesen und Schreiben aus. Keiner ist doof.“

„Nee, wir haben eine Schwäche.“

Jutta Schmidt und Uwe Boldt verheimlichten lange, dass sie nicht richtig lesen und schreiben können. Auch Tina Meyer erinnert sich noch daran, wie sie vor zehn Jahren mit dem Zug eine Freundin besuchen wollte. Doch als sie am Bahnhof stand, konnte sie kein Ticket lösen. Sie wusste ja nicht, was dort auf dem Automaten stand. Anstatt jemanden um Hilfe zu bitten, fuhr sie wieder nach Hause. So geht es nicht nur ihr, viele Menschen schämen sich für ihre Schwäche. Jutta Schmidt erklärt: „Man denkt, man ist der einzige Betroffene.“

15.000 funktionale Analphabeten

6,2 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, wie die Leo-Studie 2018 ergab. Im Landkreis Lüneburg gibt es 15.000 sogenannte funktionale Analphabeten, die zwar Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben können, aber keine Texte und schwierige Wörter. Für die Studie wurden nur Personen befragt, die dafür ausreichende Deutschkenntnisse hatten. Über die Hälfte der Betroffenen gab Deutsch als Herkunftssprache an.

Die Ursachen für die Schwäche sind vielfältig: Negative Erfahrungen in der Schule wie große Klassen oder häufige Schulwechsel gehören dazu, ebenso Probleme im Elternhaus wie Streit oder finanzielle Sorgen, Krankheiten und geringes Selbstbewusstsein. Was in den ersten vier Schuljahren versäumt wird, ist in den höheren Klassen kaum nachzuholen. Dennoch sind 62,3 Prozent der Betroffenen erwerbstätig.

Jutta Schmidt versteckte ihre Schwäche bis vor sieben Jahren vor Freunden, Familie und Kollegen. Die 62-Jährige arbeitete in der Elektrobranche, stieg sogar in die Führungsebene auf. Protokolle und Berichte gehörten dann zu ihrem Alltag, Schmidt erzählt: „Meine Arbeit ging erst nach Feierabend richtig los.“ Dann setzte sie sich mit ihrem Mann zusammen – der einzige Eingeweihte – und erledigte mit seiner Hilfe die schriftliche Arbeit. Auch Uwe Boldt kennt die Probleme, er sagt: „Mit den neuen Medien wird Lesen und Schreiben immer wichtiger.“ Selbst im Handwerk gehört es mittlerweile dazu, mit dem Computer umzugehen. Boldt outete sich vor zehn Jahren. Heute setzt er sich dafür ein, dass funktionale Analphabeten an ihrem Arbeitsplatz unterstützt werden.

„Jede Person, die rausgeholt wird, ist ein Sieg“

Geholfen hat ihm dabei die Volkshochschule. Er, Tina Meyer und Jutta Schmidt besuchen den Grundkurs Lesen und Schreiben für Erwachsene und sind Mitglied der Selbsthilfegruppe „Wortblind“ mit Begleiterin Stefanie Voß-Freytag. Sie erleben, dass andere Menschen die gleichen Probleme haben wie sie und verbessern ihre Fähigkeiten. Schmidt erzählt: „Ich lerne besser und besser, mein Leben wird bunter, und die Geschichten fangen an zu leben.“ Sie begreifen auch, dass sie als Menschen mit Schwächen keine schlechteren Menschen sind. Voß-Freytag sagt, dass gerade das Selbstbewusstsein viel für die Lebensqualität ausmacht.

Stolz erzählt Tina Meyer davon, wie sie vor drei Jahren im Rathaus stand, während die Menschen unten auf dem Wochenmarkt einkauften. Ein Mikrofon stand vor ihr, sodass die Menschen sie hören konnten. Zum weltweiten Aufruf der Lesung der Menschenrechte war auch sie eingeladen. Ihre Stimme zitterte. Doch sie traute sich und schaffte es vorzulesen.

Die Selbsthilfegruppe hat Meyer das Vetrauen gegeben, von dem sie vor zehn Jahren nur träumen konnte, als sie am Bahnhof stand und ein Zugticket kaufen wollte. Der Zusammenhalt der Gruppe blieb auch während Corona stark. In ihrer WhatsApp-Gruppe tauschten sich die Mitglieder mit so vielen Fotos über ihre Tätigkeiten aus, dass Voß-Freytag daraus ein Corona-Tagebuch gestaltete.

Gerade wegen ihrer Erfolge ist es der Gruppe wichtig, anderen Menschen zu helfen. Boldt, Meyer und Schmidt wollen sie ermutigen, aus ihrem Versteck herauszukommen, zu Kursen zu gehen oder eigene Selbsthilfegruppen zu gründen. Jutta Schmidt sagt: „Jede Person, die rausgeholt wird, ist ein Sieg.“

Informationen zu den Kursen der VHS in Lüneburg gibt es unter www.vhs.lueneburg.de

Von Franziska Ruf