Dienstag , 27. Oktober 2020
Fahrer Eckehardt Scheibler fühlt sich im diese-Skandal Abgas-Skandal betrogen und klagt gegen VW. Foto: t&w

Die Zinsen des Dieselbetrugs

Lüneburg. Auf den ersten Blick scheint der Ärger von Eckehardt Scheibler über Volkswagen dem Tausender anderer im Diesel-Skandal zu entsprechen. Auch die blaue Abgaswolke hinter seinem Golf GTD enthält mehr Stickoxide, als dem Salzhäuser beim Kauf des Wagens suggeriert worden war. Schummelsoftware unter der Haube macht es möglich. Auch er beklagt verlorenes Vertrauen. Und doch gibt es Unterschiede. Der Ingenieur sieht sich in technischer Hinsicht zweifach betrogen. Zudem als VW-Autoversicherungs-Kunde ausgebootet. Und er kämpft um „Deliktzinsen“, das heißt, er fordert seine Finanzierungszinsen zurück.

„Hätte ich schon damals gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich mich für den Ford Focus oder den Opel Astra entschieden“, sagt Scheibler. Er hatte 2009 einen Wagen für die Langstrecke gesucht, mit gutem Fahrwerk. Alles das schien er im Golf GTD gefunden zu haben. „Der Wagen hatte einen guten Ruf. Der Motor hält mindestens 400 000 Kilometer, hieß es.“ 32 000 Euro kostete der Wagen damals, abzüglich einer Umweltprämie von 6500 Euro. Angemeldet hat er den Neuwagen im Juni 2010. „Damals wurden hervorragende Umweltwerte suggeriert“, sagt Scheibler und lacht verächtlich.

Per Tempomat zum Klimasünder

Tatsächlich hat der Ingenieur seit damals 245 000 Kilometer mit einem Umweltschädling abgerissen. Der 170 PS starke Dieselmotor des Typs EA189 war, was er nicht wusste, mit einer Steuerungssoftware ausgestattet, die erkannte, ob sich der Golf auf einem Prüfstand im Testmodus befand. Nur in diesem Fall machte der Wagen auf öko. Aber immer, wenn Eckehardt Scheibler auf seinen langen Dienstreisen den Tempomat auf 140 km/h stellte, stieß sein Golf reichlich vom Klimakiller Stickoxid in die Atmosphäre.

„Ich fühle mich fürchterlich betrogen“, sagt Scheibler. Er schloss sich nicht der Sammelklage an, sondern ging den Weg der Einzelklage. Am 8. Oktober geht sein Fall vor dem Oberlandesgericht Celle in die nächste Instanz. Er ist nicht allein. Im November wurden vor dem Landgericht Lüneburg einige Fälle geneppter VW-Kunden verhandelt (LZ berichtete). In Celle sollen nun Anfang Oktober mehrere Dutzend Fälle zur Verhandlung anstehen. Der in Celle neu gegründete 7a. Senat ist insbesondere für die Fälle des Dieselabgas-Skandals zuständig, wurde erst Mitte September personell aufgestockt.

Bisher liegen Scheibler und VW für eine Einigung noch sehr weit auseinander. Der Konzern bietet 150 Euro und der Salzhäuser könnte das Auto behalten. Der Geneppte denkt eher an 8000 Euro, will zudem die Zinsen zurückerhalten, die er bei der Finanzierung bezahlt hat – an VW.

VW-Autoversicherung mustert Kläger aus

Die Bandagen in dem Rechtsstreit sind robust. „So wurde ich auch überraschend bei meiner VW-Autoversicherung ausgemustert – zu einem Termin zwei Tage vor der Verhandlung.“ Angeblich fehlt eine Unterschrift unter einer Datenschutzerklärung. Inzwischen habe der VW-VersicherungsService eine Verlängerung der Police bis zum 5. Januar angeboten.

Aufregen kann sich der Ingenieur auch über die Betriebsanleitung zu seinem Fahrzeug. „Dort wird das Ausbrennen des Rußbehälters des Katalysators empfohlen. Dazu fährt man eine längere Strecke untertourig bei 100 km/h. Was dort nicht steht, ist, dass man in immer kürzeren Abständen ausbrennen muss.“ Weil der Rußbehälter bei dem Vorgang, der aus dem Auspuff eine blaue Wolke entlässt, nicht vollständig geleert wird. „Ein Mechaniker hat mir gesagt: ‚Den kriegst du nicht mehr leer.‘“ Ein neuer Topf koste zwar nur 350 Euro, dessen Einbau aber 2200 Euro. Eckehardt Scheibler fühlt sich deshalb zweifach betrogen.

Von Joachim Zießler