Freitag , 30. Oktober 2020
Ilse Hüls (91 Jahre) , Erich Fabel (94) Heinrich Hauel (66) und Marko Puls (47) Foto: t&w

Mutmacher: Besonderer Brückenschlag

Darchau. An der Elbe ist es immer etwas stürmischer. Die Fähre „Tanja“ bringt einen von Neu Darchau nach Darchau – in den Teil des Landkreises Lüneburg, der zwangsweise 45 Jahre zu einem anderen Land gehörte. Das ist jetzt 30 Jahre her – und dazu gibt es immer noch viel zu erzählen, was nicht vergessen ist und auch nie vergessen werden sollte.

Im Café Rautenkranz direkt am Elberadweg werden Traditionen gepflegt. Ein Findling vor dem Gebäude macht auf das Ereignis aufmerksam. Im Jahr 2000 wurde er aufgestellt, zur Erinnerung an zehn Jahre Deutsche Einheit.

Um Erinnerungen daran, ans Davor und Danach geht es auch jetzt, 20 Jahre später. Coronabedingt hat bei Rautenkranz nur die Scheune offen. Kaffee gibt‘s im Kännchen zu 2,70 Euro, dazu ein schönes Stück Torte für 2,30 Euro. Wo gibt es das noch?

Gemeinsam 160 Jahre Mitgliedschaft bei der CDU

Meine vier Gesprächspartner kommen aus drei Generationen. Zusammen sind sie fast 300 Jahre alt und bringen es gemeinsam auf rund 160 Jahre Mitgliedschaft in der CDU. Ilse Hüls und Erich Fabel – 91 und 94 Jahre alt – sind zu DDR-Zeiten Mitglied geworden, Heinrich Hauel (66) kurze Zeit nach der Wiedervereinigung, und Marko Puls ist nicht nur mit seinen 47 Jahren der Jüngste in der Runde, sondern trägt in dem Quartett auch nur knappe zehn zu der beachtlichen Zahl an Mitgliedsjahren bei den Christdemokraten bei.

Die vier Parteifreunde sind alle auf der östlichen Elbseite geboren und haben dort auch die Wiedervereinigung erlebt. Für sie alle war das eine Zäsur. „Endlich konnten wir immer an diesen schönen Ort“, sagt Ilse Hüls. Die langjährige Chorleiterin erinnert sich an „wunderbare Treffen“ mit anderen Chören von beiden Seiten der Elbe. Vor 1990 lag das Café Rautenkranz mitten im Sperrgebiet. Ohne Passierschein – etwa für einen Besuch bei engen Verwandten – kam sie selbst aus dem wenige Kilometer entfernten Neuhaus nicht hier hin.

Mitglied der CDU ist die frühere Lehrerin seit 1950 – ganze 70 Jahre schon. Damals wollte der Kreisschulrat, ein überzeugter Kommunist, die junge Pädagogin eigentlich für die SED werben. Doch sie verwies auf ihre christlichen Wurzeln. „Wir sind zu fünft von unserer Schule bei der CDU eingetreten. Da war schon was los“, erinnert sie sich.

SED übte großen Druck auf Landwirte aus

Die Menschen im Amt Neuhaus waren schon ein besonderer Schlag. „Mein Vater war ein überzeugter Hannoveraner, bei uns war die SED chancenlos“, berichtet Heinrich Hauel. Erich Fabel erzählt, wie sein Vater Hermann Ende der 40er- Jahre sogar nach der Absetzung von Jakob Kaiser aus der CDU austrat. „Mein Vater war ein überzeugter Anhänger der Wiedervereinigung und sah, dass die CDU jetzt auch gleichgeschaltet war.“

Doch die SED im damaligen Bezirk Schwerin machte noch größeren Druck auf die Bauern mit Blick auf die Bodenreform. Bittere Momente spielten sich in den Familien bei der Zwangskollektivierung ab. „Die kamen immer wieder. Bis man bereit war, sein Land abzutreten.“ Erich Fabel ringt da heute noch mit den Worten. Er kam später in leitende Funktionen bei der Landwirtschaft. „Da verlangte man, dass ich Farbe bekenne.“ So trat er 1970 der Ost-CDU bei. „Meine Oberen wollten dann, dass ich das rückgängig mache. ,Ich bin Christ‘, habe ich dann gesagt.“

Welche besonderen Erlebnisse verbindet die Runde heute mit der damaligen Zeit im Schatten des Stacheldrahtes? Erich Fabel erzählt, wie groß der Aufwand war, wenn seine LPG die Färsen auf die Elbwiesen treiben wollte. „Da mussten wir schon zu Beginn des Jahres anmelden, wer sie begleiten sollte.“ Bevor sich dann die große Pforte auf das Areal „feindwärts“ – wie es im offiziellen DDR-Jargon hieß – öffnete, galt es vier Wochen vorher einen Antrag in sechsfacher Ausführung einzureichen. „Das wurde von der Stasi genauestens unter die Lupe genommen“, ist er sich sicher.

Ilse Hüls betont aber auch, wie überrascht sie war. „Man hat uns in der Schule auch viel machen lassen.“ Als Chorleiterin habe sie kaum Kontrollen erlebt. „Bei uns standen die alten Volkslieder im Vordergrund. Und manche der neuen modernen Lieder waren ja auch ganz hübsch“, findet sie.

Sechs mal an einem Tag kontrolliert – von demselben Polizisten

Welche Ausmaße ein mit Repressionen willkürlich agierender Staat annehmen kann, hat Marko Puls aber noch in dessen Endphase erlebt. Er erinnert sich gut, wie er als 16-Jähriger auf seinem Fahrrad zwischen Bitter und Kaarßen an einem Tag gleich sechs Mal kontrolliert wurde – von ein- und demselben Polizisten. Jedes Mal musste er seinen Personalausweis zeigen, dabei kannten sie sich, denn der Mann war der Vater eines Schulkameraden. „Jung, dynamisch und unerfahren habe ich auch gefragt, was das soll.“ An die Antwort erinnert er sich heute noch: „Ich guck nur deine Papiere an. Ich weiß ja nicht, ob ich kontrolliert werde.“

Und dann 1990. Heinrich Hauel lacht befreit auf: „Die Wiedervereinigung hätte für mich 30 Jahre früher kommen können. 1990 waren schon viele gute Jahre von mir vorbei.“ Der damals Mittdreißiger engagiert sich in der Kommunalpolitik. Beruflich muss er umsatteln, denn als Schlosser bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft hat er keine Zukunft mehr. Hauel macht sich zunächst mit Landmaschinen selbstständig und lernt dann den Beruf des Sozialversicherungsfachangestellten. Während Ilse Hüls und Erich Fabel in Rente gehen, zieht es Marko Puls privat und beruflich zunächst nach Lüneburg. Dort heiratet er dann eine Deutsch Evernerin. Mit seiner Familie lebt er inzwischen wieder in seinem Elternhaus in Zeetze.

Gemeinde wird immer noch behandelt wie „der Osten“

Der Blick auf die jüngsten drei Jahrzehnte fällt bei allen unterm Strich positiv aus. „Gerade die ersten zehn Jahre waren von einer ungeheuren Dynamik geprägt“, findet Heinrich Hauel. Niedersachsen habe nach der Rückgliederung des Amtes Neuhaus in den Landkreis Lüneburg enorme Mittel zur Verfügung gestellt.

„Wer in unserer Gemeinde lebt, wird aber auch nach 30 Jahren behandelt wie der Osten“, ärgert sich Marko Puls und spielt damit nicht zuletzt auf die noch nicht angeglichenen Renten an. „Es wird wohl immer Unterschiede geben“, glaubt Hauel.

„Und wir brauchen die Brücke für alle Menschen. Das bleibt für alle Generationen ein Thema“, betont Erich Fabel als Senior in der Runde – und erntet für den letzten Beitrag in der Kaffeerunde von allen heftiges Nicken.

Draußen reihen sich Wohnmobile in die Schlange mit dem Feierabend-Verkehr ein, bei dem „Tanja“ für den Brückenschlag auf die andere Elbseite sorgt.

Von Marc Rath