Dienstag , 27. Oktober 2020

Angespitzt: Die Blüten der Vielfalt

An manchen Tagen ist Lüneburg ganz einfach zu klein. So wie am Freitag. Zu viele Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Intentionen, die alle ihren Platz in der Innenstadt fordern. Auf dem Marktplatz verliehen Kita-Mitarbeiterinnen sowie Verwaltungs- und Sparkassen-Beschäftigte unter dem rot-weißen Gewerkschaftsbanner von Verdi ihrer Forderung nach mehr Geld Luft. Auf dem Sande startete und endete der Protestzug der Klimaaktivisten von Fridays for Future – und dazwischen wollten auch noch die Schausteller nach der Corona-Flaute mal wieder den ein oder anderen Euro in der Kasse sehen.

Ach ja: Und nicht zu vergessen all jene, die oftmals vermutlich unter Zeitdruck rund um die Innenstadt im Stau zwischen den Klimaschützern festsaßen. Da wird sicherlich die ein oder andere nicht jugendfreie Schimpfwort-Kanonade abgefeuert worden sein.

An so einem Tag stellt sich zwangsläufig die Frage: Sollen wir uns nun darüber freuen, dass in Lüneburg so viel Trubel herrscht, oder sollen wir uns darüber ärgern, dass manchmal die öffentliche Ordnung, der Verkehr oder was auch immer fast zusammenbricht? Für mich liegt die Antwort in einem Satz verborgen, den ich vor fast zwei Jahrzehnten gehört habe. Damals stellte ich mich dem ehemaligen Landrat Franz Fietz als neuer Redakteur der Landeszeitung vor.

Der Chef der Kreisverwaltung musterte mich von oben bis unten und sagte: „Wissen Sie, Herr Lühr, an manchen Tagen schlage ich die LZ auf und freue mich, an anderen schlage ich die LZ auf und ärgere mich.“ Daraufhin erwiderte ich: „Gut zu wissen, Herr Landrat, dann machen wir wohl einen guten Job.“

Ähnlich verhält es sich mit dem Leben in Lüneburg. Wie oft freue ich mich über die Atmosphäre dieser Stadt, die kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt. Und wie oft ärgere ich mich über die ein oder andere Blüte, die diese Vielfalt treibt – wenn es mir mal gerade nicht in den Kram passt.

Auch ich stand schon in einem Stau und fluchte, weil ich einen meiner Söhne abholen musste. Damals steckte ich fest, weil Landwirte mit riesigen Schleppern und Treckern die Straßen blockierten, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Auch ich frage mich, ob es der Situation angemessen ist, dass die Beschäftigten im öffentlichen Dienst angesichts sich dramatisch leerender Kassen für 4,8 Prozent mehr Lohn auf die Straße gehen? Doch ist das ihr gutes Recht. Und wer bin ich, dass ich ihnen das verwehre, was ich möglicherweise in einem anderen Zusammenhang selber einmal in Anspruch nehmen möchte – eben weil es mein Recht ist.

Und noch eins: Auch ich wohne in der Nähe der Sülzwiesen und habe mich nicht über alle schrägen Töne gefreut, die mir der Kultursommer auf die Terrasse geweht hat. Aber an vielen Abenden habe ich auch draußen gesessen und gedacht: „Schön, dass es so etwas in Zeiten von Corona gibt.“ Am Ende muss ich mich nicht über alle Blüten freuen, die die Vielfalt treibt. Doch sind sie es, die Lüneburg bunt und liebenswert machen.

Und so freue ich mich dann doch – auch an Tagen, an denen ich mich ärgere –, weil ich weiß: „Wir Lüneburger machen einen guten Job.“ Malte Lühr