Samstag , 31. Oktober 2020

Wald-Serie Teil 1: Der Patient hängt am Tropf

Barendorf. Knut Sierk ist Förster seit 1984. Und das mit Leib und Seele. „Mein Wunschberuf“, sagt der 59-Jährige – und bekräftigt: „Daran hat sich bis heute nichts geändert.“ Dabei haben Sierk und seine Kollegen schon die Diskussion um den „sauren Regen“ und das Waldsterben in den 1980er-Jahren miterleben müssen. Aber jetzt droht eine ungleich größere Katastrophe – der Klimawandel.

Und der macht dem Pressesprecher der Landesforsten deutlich mehr Sorgen. Denn dass die Wälder gestresst sind, und so manche Baumart bereits ums Überleben kämpft, ist nicht mehr zu übersehen. „Dabei haben wir noch Glück“ , sagt Sierk, „unsere Wälder in Südniedersachsen, im Harz und auch in den südlichen Bundesländern hat es deutlich schlimmer getroffen.“

„Der Wald steht unter Druck!“ Daran hat auch Holger Kapell, Revierförster in Barendorf, keinen Zweifel. Doch wie schlimm ist es tatsächlich um den heimischen Wald bestellt? Die LZ hat sich mit Holger Kapell und Knut Sierk zur Bestandsaufnahme im Barendorfer Forst getroffen und wird nun im Rahmen einer Serie über den Zustand des Waldes berichten.

Geringer Fichtenanteil, dafür viel Eiche und Buche

Rund 1800 Hektar Wald groß ist die Barendorfer Revierförsterei: „In Anbetracht der aktuellen Situation bin ich gesegnet mit einem relativ geringen Fichtenanteil von 7,3 Prozent und einer guten Ausstattung mit Eiche und Buche von insgesamt 32,4 Prozent“, sagt Kapell. Der Borkenkäfer ist also nicht das größte Problem des Barendorfers – aber das Ausmaß der Borkenkäferkatastrophe wird auch in seinem Revier deutlich.

Doch zunächst führt die Rundfahrt mit den beiden Förstern in den Friedwald bei Barendorf: Prächtige Buchen stehen hier. Aber schnell wird deutlich: Der extrem trockene Sommer 2018, die zu geringe Niederschlagsmenge in 2019 und auch der fehlende Regen in 2020 machen den Buchen sichtlich zu schaffen. „Eigentlich müssten wir jetzt mitten im September noch vor einer grünen Blätterwand stehen“, berichten die beiden.

Stattdessen entdecken Kapell und Sierk eine 30 mal 30 Meter große Buchenschonung, in der die Bäume ihr Laub schon fast komplett abgeworfen haben. Und auch einige Meter weiter stehen große Buchen, die den Kampf ums Wasser offensichtlich schon aufgegeben haben. Kapell blickt in die Krone einer absterbenden Buche und sagt: „Das ist schon bedrückend, wenn auch noch ausgerechnet ein Friedwaldbaum abstirbt. Dann kommt man in Erklärungsnot.“

Wegen Trockenheit werfen Bäume vorzeitig ihre Blätter ab

Ob die Buchen, die ihr Laub bereits abgeworfen haben, die Trockenheit überstehen werden? Noch sind die Äste grün, die Knospen für das nächste Frühjahr bereits angelegt. „Notabwurf“ nennen die Förster das, wenn die Bäume vorzeitig ihr Blätter abwerfen, um weniger Wasser zu verdunsten – bei einer hundertjährigen Rotbuche etwa 400 Liter pro Tag.

Die Buche gilt als „Mutter des Waldes“: Mit 22,5 Prozent ist sie die weitverbreitetste Laubbaumart in Niedersachsen, gefolgt von der Eiche (12,5 Prozent). „Wenn jetzt aber aufgrund der Wasserschwankungen, bedingt durch zu geringe Niederschläge, unsere wichtigste Laubbaumart ausfällt, macht uns das große Sorgen“, sagt Knut Sierk.

Die Sorge des Försters ist nicht unberechtigt, denn: „Wir gehen davon aus, dass der Temperatur in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird“, sagt Sierk. Aktuell liege die Durchschnittstemperatur in der Vegetationszeit (April bis Oktober) bei 15,6 Grad. Bis 2070 wird sie ansteigen, auf voraussichtlich 17,2 Grad.

Gleichzeitig wird der Niederschlag dramatisch zurückgehen. Schon jetzt stehe im Mittel ein Minus von 83 Litern auf den Quadratmeter zu Buche. Bis 2070 werden es prognostiziert 230 Liter sein, die fehlen werden. „Dann gehört die Buche zu den gefährdeten Baumarten“, mahnen Sierk und Kapell, während die Eiche dagegen auch mit diesem Extremen wohl noch zurechtkommen könnte.

Den zweiten Teil, der sich dem Borkenkäfer widmet, lesen Sie am Mittwoch in der LZ. Ein Video zum Thema finden Sie auf www.LZplay.de

Von Klaus Reschke