Samstag , 24. Oktober 2020
Brigitte Hempel möchte Mut machen: Auch im Alter kann noch jeder, der mag, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Foto: t&w

Mutmacher: Lernen, ein Leben lang

Lüneburg. Wenn Brigitte Hempel aus ihrem Leben erzählt, erzählt sie meistens aus der Zeit nach ihrem 49. Lebensjahr. 1985, sie lebt mit Mann und Kindern in Wendisch Evern, hört sie das erste Mal von der Möglichkeit eines Studiums auch ohne Abitur. An der Volkshochschule belegt sie einen Kurs, der auf die Hochschuleingangsprüfung vorbereitet. Drei Jahre später schreibt sie sich schließlich an der Hochschule Lüneburg ein: Erziehungswissenschaften mit Psychologie und Soziologie im Nebenfach.

Heute steht auf Hempels Klingelschild ein Doktortitel. Am Rande der Lüneburger Innenstadt empfängt die 84-Jährige in ihrer Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses. Wenn sie auf dem Sofa sitzt, blickt sie auf St. Johannis und den Wasserturm. „Man muss sich schon selber motivieren, wenn man im Alter noch fit sein will. Es kommt niemand zu dir, da muss man schon selbst für sorgen“, sagt Hempel, die seit dem Tod ihres Mannes vor 13 Jahren alleine lebt.

Im Alter von 64 Jahren schrieb sie ihre Doktorarbeit

Lebenslanges Lernen, das ist Hempels Herzensthema. Auch ihre Dissertation, die sie vor 20 Jahren, im Alter von 64 schrieb, beschäftigt sich mit Möglichkeiten und Grenzen der Gesundheitsförderung älterer Menschen. Um gesund älter zu werden, ist Hempel ständig in Bewegung: Ein Tag startet bei ihr mit Nordic Walking einmal um die Innenstadt herum. Vor Kurzem hat sie sich eine Smartwatch gekauft, die jeden Schritt zählt. 18,8 Kilometer waren es gestern, da war sie aber auch zum Wandern in der Heide, sagt sie und zeigt direkt ein paar Fotos auf ihrem Smartphone. Sie esse kaum Fleisch mehr, dafür aber gerne mal Fisch. Und sie geht unter Leute, wann immer es nur geht: „Ich kenne keine Langeweile.“

Ihren Lebensstil vermittelt sie auch gerne anderen: Montags in der VHS-Vortragsreihe „Alter und Altern in unserer Zeit“ im Glockenhaus, dienstags in Gymnastikstunden im Seniorenzentrum Alte Stadtgärtnerei und mittwochs im Kurs „Geschichten schreiben“, in dem sie anderen zeigt, wie aus Erlebnissen in der Vergangenheit spannende Geschichten werden können. „Wenn man nicht mehr raus unter Leute geht, sich nicht für Neues interessiert, dann lässt alles geistig nach“, sagt Hempel.

Zur Ruhe setzen, kommt für sie nicht infrage

Doch woher kommt dieser Antrieb? „Ich wurde kritisch erzogen und bin mit vielem nicht einverstanden“, sagt Hempel. Sei es die aktuelle Umweltpolitik oder zu wenigen Frauen in Führungspositionen. Vor allem aber stört sie, dass alte Menschen so oft unterschätzt werden: „In der Politik, in der Wirtschaft und auch sonst überall wird der Fehler gemacht, dass nicht zwischen biologischem und kalendarischem Alter unterschieden wird.“

Und sie will Dinge anstoßen. So kam sie auch vor 21 Jahren zum Magazin „Ausblick“, das vierteljährlich von einer Arbeitsgruppe der Volkshochschule Region Lüneburg produziert wurde. Seit der 37. Ausgabe übernahm Hempel die Leitung des Magazins, das, wie sie sagt, ursprünglich aus dem Grund gegründet wurde, dass Senioren sich gegen Bevormundung wehren.

Vor drei Monaten hat Hempel das Amt niedergelegt. Es fand sich kein Nachfolger, also wurde das Magazin nach 30 Jahren und 120 Ausgaben eingestellt. Doch sich zur Ruhe zu setzen, kommt nicht infrage. Jeden Montag, an dem sonst Redaktionssitzung war, macht sie nun im Kurpark Qigong.

Von Anna Hoffmann

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