Samstag , 24. Oktober 2020
Bis zu 2000 Tonnen Kartoffeln können Jan Peter Bornemann (l.) und Florian Schröder in ihrer Halle in Tellmer lagern. Das grüne Licht sorgt dafür, dass die Knollen eben diese Farbe nicht annehmen, denn „dann sind sie nicht mehr verkäuflich“, sagen die Landwirte. Foto: t&w

Gute Kartoffelernte, schlechte Preise

Tellmer. Angebot und Nachfrage bestimmen die Preise. Das ist in der Landwirtschaft nicht anders als in anderen ökonomischen Branchen, und deshalb ist das Fazit von Florian Schröder, einem der Partner der Bornemann Steckelberg Schröder GbR aus Betzendorf, auch nicht durchweg positiv, was die Bilanz der diesjährigen Kartoffelernte betrifft: Denn auch wenn der Ertrag durchschnittlich bis gut sei – der Erlös ist es nicht.

Zwischen sechs und acht Euro bekommt ein Bauer derzeit für 100 Kilogramm der kleinen Knollen, 24 Euro waren es noch im vergangenen Jahr. „Es sind derzeit einfach zu viele Kartoffeln auf dem Markt“, sagt Schröder, „und das drückt den Preis.“ Könne man in Zeiten, in denen das Erzeugnis rar sei, auch für schlechte Exemplare gute Erlöse erzielen, bekomme man derzeit für gute nur wenig. Schröders Partner Jan Peter Bornemann sagt: „Da machen die Händler aus jeder Delle ein Drama.“

Absatz von Pommes in die Knie gegangen

Ursache sei – wie in so vielen anderen Bereichen derzeit auch – unter anderem die Corona-Pandemie, wie die beiden Landwirte erklären: „Es sind einfach noch viel zu viele Altbestände besonders aus Belgien auf dem Markt.“ Denn nach dem Lockdown sei der Absatz von Pommes durch die Schließung von Gaststätten, Imbissen, Fast-Food-Ketten aber auch Fußballstadien derart in die Knie gegangen, dass die Nachbarn auf ihren Kartoffeln schlichtweg sitzengeblieben seien.

Kein Land der Welt verarbeitet mit 5,3 Millionen Tonnen Kartoffeln jährlich mehr als die Belgier, 90 Prozent der Fritten, deren Nationalgericht, wandern dabei in den Export, vorzugsweise in das europäische Ausland. Keine Nachfrage – kein Absatz: Die Lager waren randvoll, drängen nach den Lockerungen nun wieder auf den Markt.

„Letztlich haben aber auch die guten vergangenen zwei Jahre dafür gesorgt, dass zunehmend mehr Landwirte, mittlerweile auch östlich der Elbe, auf den Anbau von Kartoffeln umgestiegen sind“, sagt Schröder, „und das erhöht das Angebot zusätzlich.“ Könne man mit Getreide und Zuckerrüben nur noch wenig Geld verdienen, sei das mit Kartoffeln bislang noch möglich gewesen. „Letztlich ist das aber auch ein sehr kapitalintensiver Bereich“, sagt der 43-Jährige, „und das werden bei diesen Preisen auch nicht alle durchhalten.“ Der Betrieb in Betzendorf wohl schon – er ist breit aufgestellt.

Kartoffeln als Grundlage für Papier und Klebstoff

„Auf 180 Hektar, also einer Fläche, die 360 Fußballfeldern entspricht, bauen wir Kartoffeln an“, sagt der Landwirt, „davon auf 20 Hektar Speise-, auf 95 Saat- und auf 65 Hektar Stärkekartoffeln.“ Und gerade diese sorgten für ein solides Geschäft: „Wir bringen sie in die Fabrik nach Lüchow, wo primär Stärke, aber auch Eiweiß und Fasern aus ihnen gewonnen wird“, so Schröder. Ob in der Weiterverarbeitung für Papier, als Suppenzutat, Bindemittel oder als Element im Klebstoffsektor: Die Verwertung der Knollen ist vielfältig. „Genutzt werden sie auch für die Herstellung von Veggie-Burgern“, weiß der Tellmeraner, „und deren Absatz steigt.“

Das Preisniveau für die Stärkekartoffel sei demnach auch weiterhin solide – im Gegensatz zur Speisekartoffel: „Zyklen gab es da aber schon immer“, sagt Schröder gelassen, denn sein junger Familienbetrieb ist nicht nur aufgrund der Vielfalt gut positioniert: Ein modernes Lager mit Druckbelüftung sorgt dafür, dass sich die Ware bis zur nächsten Ernte hält – und leiste damit einen kleinen Anteil an der nationalen Entwicklung: „Wir sind mittlerweile importunabhängig.“

Deutsche Kartoffeln werden ganzjährig angeboten

Das zeigt sich auch in den Supermärkten: Ganzjährig werden dort inzwischen deutsche Kartoffeln angeboten, auch, weil die Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln steigt, wie das Landvolk herausgefunden haben will. Und auch die Direktvermarktung sei angezogen, so deren Vizepräsident Holger Hennies, „die Menschen kaufen gerne in ihrer Nachbarschaft, und dieser Trend hat sich aufgrund der Corona-Krise noch verstärkt.“ Das hat man in Tellmer so nicht gemerkt: „Letztlich fällt der Direktverkauf bei unseren Mengen aber auch nicht ins Gewicht“, sagt Schröder.

Von Ute Lühr