Dienstag , 27. Oktober 2020
Viel hat die AGL an diesem Baum in der Barckhausenstraße (links) nicht mehr drangelassen. Viel Freiraum untenrum: Am Wilschenbrucher Weg (M.) hat mancher Baum viele Äste verloren. Grün nur in der Spitze: In der Uelzener Straße (r.) soll das Licht der Straßenlaterne so nicht verschattet werden. Fotos: us

Überall rasierte Bäume

Lüneburg. Bäume verschönern nicht nur das Stadtbild, sie sind auch wichtig fürs Stadtklima. Bisweilen aber müssen sie in Form gebracht werden, wenn ihre Äste drohen, Hindernis oder gar Gefahr für den öffentlichen Raum zu werden. Baumpflege nennt das die Abwasser, Grün und Lüneburger Service GmbH (AGL), die deshalb stets einen kritischen Blick aufs Stadtgrün wirft. Im Roten Feld ging sie dabei kürzlich so beherzt zur Sache, dass sie sich gleich doppelt Unmut zuzog.

„Ich bin aufgebracht“, sagt Ralf Gros beim Blick auf die noch junge Linde in der Barckhausenstraße, von der die AGL wenig übrig gelassen hat. Viele Meter hoch erstreckt sich der nackte Stamm, nur eine kleine Krone wurde dem zierlichen Baum belassen. Auch an den benachbarten älteren Linden haben die Baumpfleger ihre Sägen angesetzt, so sehr, dass auch hier oft erst nach fünf, sechs Metern die Krone beginnt. Ähnlich sieht es im Wilschenbrucher Weg aus. Und selbst im Kurpark wurden sechs Birken massiv bearbeitet, obwohl diese dort lediglich den AGL-Parkplatz schmücken sollen.

Warum die Bäume so sehr beschnitten wurden, erschließt sich Gros, gelernter Landschaftsplaner, nicht. „Immer heißt es, wegen der Busse und Lkw müsse das Lichtraumprofil eingehalten werden. In der Barckhausenstraße aber können inzwischen zwei Busse übereinander die Straße nutzen, so viel ist hier abgesägt worden“, ärgert sich der Grünen-Politiker, der in seiner Kritik Unterstützung von BUND-Mitglied Karl Wurm bekommt.

Selbstheilungskräfte werden erschwert

Laut Gros dürfen Bäume lediglich bis zu einer Höhe von 4,50 Metern aufgeastet, also entfernt werden, wie es im Fachjargon heißt. Auch dürften die Äste nicht dicker als fünf Zentimeter sein, andernfalls müsse dies ausführlich begründet werden. „Bei kleineren Ästen wirken die Selbstheilungskräfte des Baumes, was bei zu großen Schnittstellen aber erschwert wird“, sagt Gros. Dann drohe die Gefahr durch eindringende Pilze.

Dem widerspricht die AGL. Geschäftsführer Lars Strehse: „Die 4,50 Meter sind die mindestens einzuhaltende, lichte Höhe über einer Fahrbahn.“ Auch dass nur Äste mit einem Durchmesser von bis zu fünf Zentimetern entfernt werden dürfen, sei falsch. Bei schnell abschottenden Baumarten sei die Entfernung sogar bis zehn Zentimeter Durchmesser möglich. „Ansonsten wird die Entfernung von Ästen unterhalb von fünf Zentimetern lediglich empfohlen, um die Wundbildung zu minimieren.“ Je länger aber mit der Aufastung gewartet werde, desto größer seien die Wundstellen an den Bäumen, die eine erhöhte Gefahr des Eindringens von Krankheitserregern darstellen, ergänzt Strehse. Dies sieht Gros genauso, zieht daraus aber einen anderen Schluss: „Deshalb ist es wichtig, dass rechtzeitig und nicht nur alle zehn Jahre mal aufgeastet wird. Dann sind die Äste nämlich bereits zu dick.“

Auch den Hinweis der AGL, mit Aufastungen werde auch Schattenwurf und damit verminderter Lichteinfall in Wohnungen vermieden, kann Gros nicht nachvollziehen: „Dieses Argument ist völlig inakzeptabel. Damit könnte ja jeder die Entfernung von Ästen oder am besten gleich ganzen Bäumen fordern.“

„Krone und Wurzel stehen im Verhältnis zueinander“

Strehse führt aber auch Sicherheitsgründe an. So seien zum Beispiel Bäume in der Uelzener Straße aufgeastet worden, weil sie die Straßenbeleuchtung abschatten könnten. Die Folge: Die Baumkronen beginnen jetzt erst oberhalb der Straßenlaternen – und die sind in dieser Straße nicht gerade klein. Für Strehse kein Problem: Er sieht in diesem Straßenabschnitt „heute sehr kräftige, vitale und schöne Straßenbäume mit großen Kronen auch oberhalb der Straßenbeleuchtung“.

Dass die AGL in den vergangenen Jahren ausgerechnet hier zahlreiche Bäume mangels ausreichender Standsicherheit fällen ließ, verwundert Gros nicht: „Krone und Wurzel stehen im Verhältnis zueinander. Wenn man oben was wegnimmt, bildet es sich auch unten zurück.“

Daher wundere es ihn auch nicht, dass die jährliche Baumfällliste immer länger wird. Bäume in der Stadt litten ohnehin schon an Wassermangel, Salz und verdichtetem Boden. „Wir sollten es ihnen nicht unnötig schwer machen“, appelliert Gros. Jeder Baum sei „ein Schatz“, den es zu pflegen und erhalten gelte. Denn die Anwuchspflege bei jungen Bäumen sei „sehr aufwendig“, ihre CO₂-Bilanz „erstmal schlecht“. Deshalb fordert er: „Nicht malträtieren.“

Immerhin räumt Strehse ein, dass „vielleicht einige Arbeitsergebnisse erläuterungsbedürftig sind, und selbstverständlich kann auch unseren Fachleuten einmal ein Fehler unterlaufen.“ Ansonsten scheint die geäußerte Kritik an ihm eher abzuprallen: „Dass es einige wenige Lokalpolitiker und einen Verbandsvertreter in Lüneburg gibt, der wie ein ‚Mantra‘ immer wieder die Behauptung, auch öffentlich, aufstellt, dass unsere Fachkräfte nicht fachgerecht arbeiten, ist ja bekannt.“

Von Ulf Stüwe