Freitag , 30. Oktober 2020
Foto: Archiv

Atommüllendlager: Gorleben nicht darunter, andere Orte noch im Rennen

UPDATE: 19.40 Uhr:

Reaktionen: Eckhard Pols (CDU), Mitglied des Bundestages: Der Ausschluss des Salzstocks Gorleben aus dem Verfahren nach StandAG kommt zu diesem frühen Zeitpunkt sehr überraschend. Dieser frühzeitige Ausschluss ist aber auch die Chance, die Region zu befrieden und sich um die eigentlichen Probleme einer strukturschwachen Region zu kümmern. Gorleben ist nicht mehr Thema Nummer 1 in der Lüchow-Dannenberger Kommunalpolitik. Auch wenn unter den etwa 90 Teilsuchgebieten in ganz Deutschland einige sich in den Nachbarlandkreisen befinden.

Auch stellt sich die Frage, warum zu dem im Zwischenbericht genannten Grund man über 35 Jahre braucht. Es ist ein Schlag ins Gesicht der Kommunalpolitiker, der Geologen und der Bergleute. Die einen halten ihren Rücken hin, die anderen leisten international hochwertige Forschungsarbeit in Sachen Salzforschung.

Bleibt zu hoffen, dass diese Forschungsergebnisse in die weitere Endlagerforschung mit einfließen und nicht vergebens waren. Denn Gorleben hat den Steuerzahler bislang fast zwei Milliarden Euro gekostet. Das Salz muss nun wieder unter Tage gebracht werden und der Salzstock somit wieder verschlossen werden. Anschließend muss wieder aufgeforstet werden. So sehen es alte Vereinbarungen vor.

UPDATE: 17 Uhr:

Selbst ohne Sumte und Gorleben bleibt die Region im Fokus der Geologen bei der Suche nach einem Endlager. Mögliche Standorte aus dem „Zwischenbericht Teilgebiete“:

  • Landkreis Lüneburg: Fast die gesamte Fläche wird von einer Tonlage von bis zu 1055 Metern Mächtigkeit unterlegt. Teilgebiet: 004_00TG_053_00IG_T_f_tpg
  • Reppenstedt/Adendorf: Ein fast geschlossener Kreis um Lüneburg aus flach gelagertem Steinsalz (Röt/Muschelkalk). Teilgebiet: 076_02TG_191_02IG_S_f_so
  • Echem/Neu Neetze: Ein 460 Meter hoher Salzstock der Struktur „Rosenthal“, 1040 bis 1500 Meter unter der Oberfläche. 038_00TG_063_00IG_S_s_z
  • Horndorf/Bohndorf: 750 Meter dick, Tiefe von 750 bis 1500 Metern. 039_00TG_064_00IG_S_s_z
  • Egestorf/Soderstorf: 710 Meter mächtige Lage in der Salzstruktur, 790 bis 1500 Meter unter der Oberfläche. 036_00TG_058_00IG_S_s_z
  • Geesthacht: 24 Quadratkilometer in der Salzstruktur Geesthacht/Hohendorn, 800 bis 1500 Meter tief. 072_00TG_181_00IG_S_s_z-ro
  • Bodenteich: 920 Meter mächtige Salzstruktur Niendorf II/Wieren/Bodenteich, 580 bis 1500 Meter tief. 040_00TG_067_00IG_S_s_z
  • Wittingen: Salzstruktur Wittingen, 920 Meter hoch, 580 bis 1500 Meter tief. 049_00TG_106_00IG_S_s_z
  • Bahlburg/Garstedt: 860 Meter dick, Tiefe: 640 bis 1500 Meter. 035_00TG_057_00IG_S_s_z
  • Rosche: Struktur Rosche-Thondorf, 890 Meter dick, 600 bis 1500 Meter tief. 041_00TG_068_00IG_S_s_z
  • Wettenbostel/Ebstorf: 780 Meter dicke Struktur, 720 bis 1500 Meter tief. 037_00TG_061_00IG_S_s_z
  • Waddekath: 1000 Meter mächtige Salzstruktur in einer Tiefe von 520 bis 1500 Meter. 062_00TG_146_00IG_S_s_z

UPDATE: 15.50 Uhr:

Reaktionen: Miriam Staudte, atompolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion: „Ich musste mich erstmal setzen, als ich vom Aus für Gorleben erfuhr. Wir hoffen, dass dies anderswo als vertrauensbildende Maßnahme verstanden wird, dass nun wirklich nach wissenschaftlichen Kriterien gesucht wird. Notwendig ist nun, dass das Land schnellstmöglich die betroffenen Regionen finanziell unterstützt, damit bei den kommenden Anhörungen Expertise von Geologen einkaufen können.

UPDATE: 14.50 Uhr:

Reaktionen:  Stefan Wenzel, Landtagsabgeordneter der Grünen: Mit dem Ausschluss Gorlebens ist der Weg frei, um eine Suche streng nach wissenschaftlichen Kriterien durchzuführen. In vielen Regionen, die jetzt überrascht wurden, werden jetzt die Sorgen wachsen. Nun ist auch die Wissenschaft gefordert. Die Forschung muss verstärkt werden und die Ergebnisse auch den Bürgern zukommen. Sicherheit ist der kategorische Imperativ, nicht Geschwindigkeit.

UPDATE: 14.30 Uhr:

Reaktionen: Dr. Bernd Redecker vom Lüneburger Aktionsbündnis gegen Atomanlagen (LAgAtom) zeigte sich „komplett überrascht“ von dem Zwischenbericht Teilgebiete: „Ich finde es total toll, dass Gorleben rausgeflogen ist. Das ist ein Glücksgriff für das Verfahren. Und auch eine Genugtuung für die Atomkraftgegner. Wir sagen seit Jahrzehnten, dass der Salzstock nicht geeignet ist. Jetzt liegt amtlicherseits der Beweis vor. Das erhöht die Chance, dass es wissenschaftlich korrekt läuft. Gleichwohl bleibt unsere Kritik am unguten Tempo bei der Bürgerbeteiligung bestehen.
Warum Gülze-Sumte nicht in die nächste Auswahl übernommen wurde, ist mir ein Rätsel. Die nun genannten Salzstöcke im Lüneburger Beritt kenne ich nicht. Die halbmondförmige, als geeignet angesehene Salzstruktur im Nordwesten Lüneburgs ist sehr skurril, das könnte der Ausläufer des Kreidebergs sein. Im Ergebnis ändert sich für den Landkreis Lüneburg nicht viel – es sind nur andere Salzstöcke als der erwartete genannt worden. Bei den Tonschichten in Niedersachsen war vorab ein breiter Streifen bei Osnabrück genannt worden. Dass die nun quasi flächendeckend benannt wurde, überrascht ebenfalls. Damit müssen wir uns jetzt befassen.

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Weitere Links:

Atommüll-Endlagerung: Schulze erwartet von allen Politikern Rückhalt für Verfahren

Atommüll-Lagerung: Wut in Bayern wegen Herausnahme von Gorleben

Endlagersuche: “Bayern verhält sich dumm und destruktiv”

 

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UPDATE: 14.20 Uhr:

Reaktionen: Landrat Jens Böther: „Das Herausfallen von Gorleben stärkt das Verfahren, das ist eine gute Botschaft. In eine ähnliche Kategorie fällt der Salzstock Gülze-Sumte, wenn der auch nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stand. Sumte war schon länger im Suchraster und wurde nun doch ausgesiebt. Dafür sind überraschende neue Standorte genannt worden, wie etwa Rosenthal, Horndorf und Soderstorf-Egestorf. Das zeigt aber, dass das Verfahren wirklich einen echten Neustart hinlegte. Wir werden das weitere Verfahren so konstruktiv begleiten, wie wir das auch im Falle Sumte gemacht hätten. Ich werde versuchen, bei der Bürgerbeteiligungsveranstaltung in gut zwei Wochen in Kassel dabei zu sein. Zudem müssen wir klären, wer von uns künftig dieses Verfahren fachlich begleitet. Vielleicht muss man den Fachdienst Umwelt des Landkreises personell verstärken. Und der Landkreistag muss sich der Frage widmen, wie wir externen Sachverstand, also etwa Geologen-Gutachten, finanzieren können.

UPDATE: 14.10 Uhr:

Reaktionen: Heidemarie Gaede ist Ortsvorsteherin in Sumte (Amt Neuhaus). Sie hatte sich noch nicht in den „Zwischenbericht Teilgebiete“ einloggen können, als sie der Anruf des Reporters erreichte, der ihr mitteilte, dass der Salzstock Gülze-Sumte als nicht endlagergeeignet aus der weiteren Suche ausgeschlossen wurde: „Hurra, ich hatte es gehofft. Sie glauben nicht, wie sehr ich mich für die Region freue. Ein Endlager im Biosphärenreservat hätte auch nicht gut gepasst – oben hui und unten pfui. Das war schon ein banges Warten für uns. Jetzt bin ich froh, dass wir nach den Belastungen in den Jahren der Teilung nicht noch eine weitere Last aufgebürdet bekommen haben.“

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UPDATE: 13.40 Uhr:

Als durchaus geeignetes, mögliches Endlager gilt in der Lüneburger Region nach dem Urteil der Geologen auch ein Salzstock, der sich unter den Ortschaften Horndorf unter Bavendorf bis Bohndorf erstreckt.

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UPDATE: 12.30 Uhr:

54 Prozent des Bundesgebietes sind derzeit noch nicht als Atomendlager ausgeschlossen.

Dazu zählt auch ein Korridor von Egestorf über Soderstorf bis Dehnsen. Eine Steinsalz- und die in fast ganz Norddeutschland anzutreffende dicke Tonschicht sind die Gründe.

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UPDATE: 12.13 Uhr:

Der Salzstock Gorleben fällt durch das Sieb der Experten und als Endlager für Atommüll aus, ebenso der Salzstock im Landkreis Lüneburg östlich der Elbe bei Sumte.

Dafür sind andere Orte als mögliche Endlager noch im Rennen: Geesthacht, wegen einer Steinsalzformation. Fast der gesamte Landkreis Lüneburg aufgrund von Tonformationen. Ein Halbkreis nordwestlich von Lüneburg beginnend bei Reppenstedt, aufgrund einer flach geschichteten Steinsalzformation. Und eine Region, die sich südlich von Hohnstorf/Elbe über Lüdersburg und Neu Neetze fast bis Breetze erstreckt. Hier ist den Geologen die Salzstruktur „Rosenthal“ in den Blick gefallen.

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Düsseldorf/Berlin. 90 Gebiete in Deutschland haben nach Erkenntnissen der Bundesgesellschaft für Endlagerung günstige geologische Voraussetzungen für ein Atommüllendlager. Der Salzstock Gorleben in Niedersachsen ist nicht darunter, wie aus dem am Montag veröffentlichten Zwischenbericht Teilgebiete hervorgeht.

Berücksichtigt man die Überlagerung einiger Gebiete, ist laut Bericht in Deutschland ein Anteil von 54 Prozent der Landesfläche als Teilgebiet ausgewiesen. Teilgebiete liegen etwa in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen, aber auch in den ostdeutschen Ländern.

Eine Vorfestlegung auf einen Standort ist damit aber noch längst nicht verbunden. In den kommenden Monaten und Jahren werden die möglichen Standorte nach und nach weiter eingegrenzt, indem weitere Kriterien – etwa die Bevölkerungsdichte – berücksichtigt werden.

Debatte um Endlagerung nimmt Fahrt auf

Dennoch dürfte die Debatte über die Endlagerung von hoch radioaktivem Atommüll damit in Fahrt kommen – vor allem in den Gebieten, die nun näher unter die Lupe genommen werden sollen.

Das Endlager soll unterirdisch in Salz, Ton oder Kristallin, also vor allem Granit, entstehen. 2031 soll der Standort gefunden sein, ab 2050 sollen Behälter mit strahlendem Abfall unterirdisch eingelagert werden.

Der Bericht listet erst einmal alle Regionen in Deutschland auf, “die günstige geologische Voraussetzungen für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle erwarten lassen”, so schreibt es das entsprechende Gesetz vor. Deswegen sind es noch ziemlich viele und teils auch recht große Gebiete. Konkreter wird es erst in den kommenden Jahren. Aus den Teilgebieten werden sogenannte Standortregionen ausgewählt, die übertägig genauer erkundet werden. Einige davon werden dann auch untertägig erforscht.

Nach Gorleben-Zoff Prinzip der “weißen Landkarte”

Nach langem Ärger um den Salzstock Gorleben wurde die Endlagersuche komplett neu gestartet. Ausgehend von einer “weißen Landkarte”, auf der erst mal jeder Ort grundsätzlich infrage kommt, werden mögliche Standorte nun nach wissenschaftlichen Kriterien nach und nach eingegrenzt. Am Ende soll dann aber die Politik die Entscheidung über den Standort treffen – basierend auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Über verschiedene Formate können sich Bürger, Gemeinden und Organisationen in den Prozess einbringen.

Zoff hatte es vor allem um Gorleben gegeben, das zu einem Symbol der Anti-Atomkraft-Bewegung geworden war. Manche forderten schon vor der Veröffentlichung des Berichts, den Salzstock als “politisch verbrannt” aus der Suche auszunehmen. Aber auch die bayerische Landesregierung hat Ärger auf sich gezogen, weil sie den Suchprozess anzweifelt und darauf pocht, dass der Untergrund in Bayern nicht geeignet sei. Beides stellte das Prinzip der “weißen Landkarte” infrage, die erst nach und nach anhand messbarerer Kriterien eingegrenzt wird.

Auf dieses Prinzip pochen unter anderem die Grünen, deren Wurzeln auch in der Anti-Atomkraftbewegung liegen. “Jetzt ist erst einmal die Wissenschaft am Zuge und die sollte man auch in Ruhe machen lassen”, sagte Bundestags-Fraktionsvize Oliver Krischer der dpa. Im Fall Gorleben habe es in erster Linie eine politische Entscheidung gegeben. In den 70er-Jahren war beschlossen worden, dort ein Endlager einzurichten. Deswegen habe “ein Landstrich fast komplett rebelliert”.

RND/dpa