Mittwoch , 28. Oktober 2020
Fast am Ziel seiner Wünsche: Youssef Ben Maher hat nach vielen Anstrengungen seinen Berufsabschluss als Bäckergeselle geschafft. Foto: t&w

Der lange Weg zum Glück

Lüneburg. Youssef strahlt. Er ist am Ziel, jedenfalls an einem seiner vielen Ziele, die der gebürtige Sudanese sich gesetzt hat. Dass er es überhaupt so weit geschafft hat, kann er manchmal selbst noch nicht glauben. „Ich war schon so oft gestorben, aber es ging dann doch immer wieder weiter.“ Jetzt darf er sich Bäckergeselle nennen, für ihn ein „großes Glück“.

Ende 2015 kam Youssef Ben Maher als Asylbewerber nach Deutschland, sein erstes großes Ziel, nachdem er 2011 zum ersten Mal als 16-Jähriger europäischen Boden betreten hatte. Als einer von 160 in Libyen gestarteten Flüchtlingen hatte er sein Glück mit Schleppern versucht, für 1300 Euro versprachen sie ihm per Schiff den „sicheren Weg nach Europa“. Dass sie schon nach wenigen Meilen auf See ums Überleben kämpfen mussten, sei für ihn und die anderen Flüchtlinge unvorstellbar gewesen. „Wir waren sieben Tage ohne Essen und Trinken auf dem Mittelmeer, bis wir schließlich aufgegriffen und nach Italien gebracht wurden.“ Nur 60 hätten die Tortur überlebt.

Italien. Vier Jahre harrte er in dem Land aus, das er zwar „schön“ findet, von Beginn an aber nur als Zwischenetappe verstand. „Ich wollte nach Deutschland, alle wollten nach Deutschland.“ Warum, kann er gar nicht genau sagen, „es steht eben ganz oben auf der Liste“.

„Berufsorientierung für Flüchtlinge“

Als er volljährig war, durfte er Italien verlassen. Nach mehreren Stationen landete er schließlich in Hittbergen bei Scharnebeck. Anders als in Italien habe er sofort versucht, die fremde Sprache zu lernen. Völlig auf sich allein gestellt, wandte er sich an die Volkshochschule, doch die lehnte ab. „Die Ausländerbehörde hat nein gesagt, weil mein Status als Flüchtling unklar war“ – eine Hürde, die ihm auch weiter zu schaffen machen sollte.

Seine nächste Anlaufstelle: das Arbeitsamt. Wieder gab es eine Absage, aber den Hinweis, sich an die Handwerkskammer zu wenden. Dort war inzwischen das Integrationsprojekt Handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber (IHAFA) angelaufen, für Youssef ein Glücksfall, wie sich zeigen sollte.

Nach ersten Beratungen und einem berufsvorbereitenden Lehrgang konnte er an dem sechsmonatigen Programm „Berufsorientierung für Flüchtlinge“ teilnehmen, das ihm Einblicke und Erfahrungen für seine berufliche Laufbahn vermittelte. So fand er nach einem Praktikum in Bardowick schnell heraus, dass Metallbau „nicht meine Sache ist“, das Bäckerhandwerk dafür umso mehr. „Als ich nach Europa kam, habe ich so viele leckere Sachen gesehen. Da wollte ich wissen, wie sie gemacht werden.“

Dafür war ihm kein Weg zu weit. Zu seinem Praktikum bei der Lüneburger Bäckerei Völsch fuhr er von Hittbergen jeden Tag mit dem Fahrrad, startete um zwei Uhr morgens, um seinen Dienst um vier Uhr antreten zu können. Weil der Betrieb ihm keinen Ausbildungsplatz anbieten konnte, wechselte er zur Bäckerei Hesse. Nach zwei Wochen Probezeit war wieder ein Ziel erreicht: Am 1. August 2017 durfte er seine Ausbildung zum Bäcker beginnen.

„Aber ich will noch weiter“

Noch aber war er mit seinen deutschen Sprachkenntnissen nicht zufrieden. An der Berufsbildenden Schule nahm er an einem einwöchigen Intensivkurs teil, danach ging es jeden Montag zweieinhalb Stunden nach der Arbeit weiter.

Dass Youssef sich jetzt „Bäckergeselle“ nennen darf und auch von seinem Ausbildungsbetrieb übernommen wird, mache ihn glücklich, „aber ich will noch weiter“. Sein nächstes Ziel: Konditor.

Klaus-Georg Basting erstaunt das nicht, zumindest nicht mehr: „Das ist ganz typisch für ihn. Er nimmt alles selbst in die Hand.“ Youssef hat er bei Ausbildungsbeginn kennengelernt. Als Mitglied des Senior Experten Service begleitet der 86-Jährige junge Menschen auf ihrem Weg in den Beruf. Eine Unterstützung, die dem 26-Jährigen bislang nicht nur komplizierte Behördengänge, sondern vermutlich sogar die Abschiebung erspart hat.

„Das Thema ist immer noch nicht durch. Die Abschiebung droht leider weiter“, sagt Basting mit hörbarem Zorn in der Stimme. Youssef sei fleißig, zuverlässig und strebsam, „solche Menschen brauchen wir dringend in Deutschland“. Zwar habe die permanente Unsicherheit den jungen Mann gelegentlich verzagen lassen, „er hat sich aber immer wieder aufgerappelt“.

Noch immer statusloser Flüchtling

Für Youssef ist Klaus-Georg Basting „wie ein Vater“. Mit seinem leiblichen Vater und seinen beiden Brüdern im Sudan telefoniert er häufig. Vor dem Abenteuer, ihm als Flüchtlinge zu folgen, aber warnt er eindringlich: „Ich sage jedem, bleib zu Hause!“

Auch wenn er gut allein klar komme, Walaa, seine große Liebe, fehle ihm doch sehr. Die 24-jährige Sudanesin hofft derweil auf eine Einreise nach Deutschland, als Krankenpflegerin hat sie auch gute Chancen, wenn Corona nicht wäre. Beide hoffen nun auf ein baldiges Ende der Pandemie und ein Einsehen der Ausländerbehörde. Doch die zeigt sich zugeknöpft. Bei einem weiteren Termin gab es erneut nur eine Aufenthaltsverlängerung bis Februar.

Und Deutschland? Hat das Land die großen Hoffnungen erfüllt? Youssef zögert bei der Antwort, dann sagt er: „Ich möchte gern hier leben und das Land kennenlernen, aber ich fühle mich noch wie in einem Gefängnis.“ Denn nach fast fünf Jahren darf er als noch immer statusloser Flüchtling die Region Lüneburg nicht verlassen. Enttäuscht also? „Nein, ich habe großes Glück gehabt.“

Und wenn es im Februar kein grünes Licht seitens der Ausländerbehörde gibt? Auch da bleibt Youssef stark: „Dann gehe ich von allein.“

Von Ulf Stüwe