Freitag , 30. Oktober 2020
Klaus Dützmann warb auch zu Beginn des neuen Jahrtausends noch um Gewerbeansiedlungen in Lüneburg. Foto: t&w

Neu erfunden nach dem Mauerfall

Lüneburg. Als die Mauer fiel, wurde Klaus Dützmann eine wichtige Arbeitsgrundlage entzogen. Die Zonenrandförderung entfiel, ein Mittel, mit dem der damalige Wirtschaftsförderer Unternehmen an die Ilmenau locken konnte. „Das war zunächst mal ein Schlag“, erinnert sich der heute 80-Jährige. „Fisch-Friedrich hatte ich damals schon fest an der Angel. Aber als der dann realisierte, dass künftig im Osten mehr Förderung zu holen ist, machte er rüber.“

Die Scharen von DDR-Bürgern in ihren knatternden Trabis ließen Lüneburg zwar von der lange unterdrückten Konsumlust profitieren. Insbesondere die Baumärkte verzeichneten einen lang anhaltenden Boom, allzu lange waren die Häuser und Wohnungen im real existierenden Sozialismus dem Verfall preisgegeben – schlicht, weil es an Materialien fehlte.

Wenige Tage nach dem Mauerfall kamen die ersten DDR-Bürger nach Lüneburg – um sich umzusehen und Geld umzutauschen. Foto: A/hei

Doch den Gewinn an Kaufkraft erkaufte Lüneburg mit einem Verlust an Produktionskraft. „Die Ansiedlung größerer Firmen konnte ich zunächst vergessen“, erinnert sich Dützmann. Der Wegfall von Investitionskostenzuschüssen von 23 Prozent schlug ihm ein gewichtiges Argument für die Ansiedlung an der Ilmenau aus der Hand.

Die letzte Ansiedlung war Jungheinrich

Vorher hatte er einige namhafte Firmen in die „Zonenrandlage“ locken können: Panasonic, Konica, Funai und Nordson. „Die letzte Ansiedlung war Jungheinrich.“

Zudem bewirkte die Rückkehr Lüneburgs in das Zentrum Deutschlands einen Aderlass. Die Fleischfabrik für den Edeka-Großhandel zog von der Lüner Rennbahn ins neue Gewerbegebiet von Zarrentin, wenige Hunderte Meter hinter dem einstigen Todesstreifen. „Direkt an der Autobahn gelegen, plus Steuervorteile – da waren wir chancenlos.“ Ebenso, als der Fensterhersteller Drinkuth abwanderte.

Doch Dützmann ließ den Mut nicht sinken, machte vielmehr auch „rüber“, zumindest als Ratgeber. „Ich saß mit am Runden Tisch in Schwerin, brachte unser Know-How ein.“ Das Neue Forum wurde nach Lüneburg eingeladen. Thema: Wie macht man aus Produkten oder Fähigkeiten Profit? „Viele ehemalige DDR-Ingenieure wollten sich selbstständig machen, die waren sehr interessiert.“

Kein einfaches Vorhaben für die Wagemutigen. „Die Arbeitslosigkeit lag damals bei zwölf Prozent.“ Im Osten begann das Sterben der ehemaligen Vorzeigebetriebe des „Arbeiter- und Bauernstaates“. Die Elbewerft in Boizenburg kämpfte noch bis 1997, dann war sie insolvent. „Sie war zu nah an der Lauenburger Werft.“ Der metallverarbeitende Betrieb Both mit 1000 Beschäftigten streckte die Waffen. Lediglich die Fliesenfabrik in Boizenburg schaffte den Sprung in die Nach-Wendezeit – allerdings nur noch mit 250 Arbeitnehmern statt wie vorher 2000.

Menschen haben sich flexibel gezeigt

Kann die Region Lüneburg aus der Nach-Wendezeit eine Lehre ziehen, wie man sich behauptet, obwohl es immer irgendwo Orte gibt, an denen Arbeitskraft billiger ist?

„Ja“, ist der ehemalige Wirtschaftsförderer überzeugt. Lüneburg habe sich damals neu erfunden. „Der neue Schwerpunkt in der Produktion liegt nun bei Lebensmitteln. Aber auch die Menschen haben sich flexibel gezeigt – indem sie mobil waren und indem sie sich ständig weiter fortbildeten.“ Als großes Plus für den Erwerb zusätzlicher Qualifikationen nennt Dützmann die VHS und die in Deutschland traditionell guten Ausbilder.

Arbeiter der Elbewerft in Boizenburg demonstrierten 1991 gegen den Stellenabbau – letztlich vergebens. Foto: A/ulv

Die persönliche Lehre Dützmanns aus dem Wiederaufstieg der Region Lüneburg nach dem Fall der Mauer lautet: „Man kann immer nur versuchen, zu helfen. Und müsste ich es nochmal machen, würde ich besser darauf achten, dass sich nicht manche so schamlos bereichern, indem sie Gutgläubige ausnutzen.“ Nicht alles solle man der Privatwirtschaft und dem Markt überlassen.

Auf die Frage, ob Lüneburg am Ende für die Einheit bezahlt oder davon profitiert hat, antwortet der ehemalige Wirtschaftsförderer Dützmann entschieden: „Für uns ist das ein Gewinn. Wir haben unser altes Hinterland zurück- und Menschen hinzugewonnen, die endlich ihre Fähigkeiten erproben wollten.“

Von Joachim Zießler