Freitag , 30. Oktober 2020
Helmut Strentzsch, Kristin Bogenschneider, Christine Schmid, Christian Cordes und Henning Hinrichs können aus der Corona-Krise auch Positives ziehen. Foto: t&w

„Wir sind da, aber anders“

Lüneburg. Die Corona-Krise ist eine große Herausforderung für alle. In einer Interview-Reihe kommen verschiedene Gruppen zu Wort. Nicht mehr frei entscheiden zu dürfen, mit wem man sicht trifft, mit dieser Eischränkung hatten viele Menschen zu kämpfen. Während des Lockdowns war es auch den Kirchen verboten, ihre Gottesdienste zu feiern, eine bisher nie dagewesene Situation. Die LZ wollte wissen, wie es den Gemeinden im Landkreis damit ergangen ist. Rede und Antwort standen die Superintendenten Christine Schmid und Christian Cordes, Pastor Henning Hinrichs (Reppenstedt), Pastorin Kristin Bogenschneider (Dahlenburg) sowie Diakon Helmut Strentzsch (Ökumenisches Gemeindezentrum St. Stephanus).

Wann wurde Ihnen klar, welche Ausmaße die Corona-Krise annimmt?

Christian Cordes: Als das erste Mal das Stichwort Lockdown fiel, Anfang März. Greifbar wurde die Bedeutung für uns alle dann am Freitag, dem 13.

Christine Schmid: Oh ja, vor diesem Tag waren wir nicht wirklich darauf vorbereitet, so einen krassen Einschnitt in das kirchliche Leben vornehmen zu müssen. Kirche lebt von Gemeinschaft und Zusammenkommen, dass wir das nicht mehr durften, das hat uns ins Mark getroffen.

Cordes: Wir sind erstmal in eine Art Schockstarre verfallen.

Hinrichs: Dass Gottesdienste verboten sein sollten, war wirklich kaum zu realisieren. Das erste Gefühl war: „Das kann nicht sein, das kann es nicht geben.“

Schmid: Und dann haben wir uns sehr schnell neu erfunden.

An welches konkrete Ereignis erinnern Sie sich besonders im Zusammenhang mit dem Lockdown?

Schmid: Das sind viele. Zum Beispiel der erste Sonntag, als wir die Menschen vor der Johanniskirche wegschicken mussten. Nicht jeder hatte mitbekommen, dass wir die Gottesdienste nicht mehr feiern dürfen. Das zu vermitteln war hart. Vor allem diese Machtlosigkeit, nicht zu wissen, in welchem Zeitplan es weitergeht. Am Anfang habe ich gesagt, „sicher machen wir Ostern etwas, sicher geht es dann irgendwie weiter.“ Es kam anders. Aber es gab auch neue Begegnungsfelder. Wenn ich in diesem Wochen auf den Wochenmarkt ging, kam ich erst zwei oder auch drei Stunden später zurück, der Redebedarf der Menschen war groß, verständlicherweise.

Strentzsch: Unsere Konfirmandenfahrt nach Lübeck vom 8. bis zum 10. März, das hat gerade noch so hingehauen. Aber es war alles schon ganz anders, mit Desinfektionsmittel, ohne richtiges Abendmahl. Da hat es uns noch gut getroffen. Die Gruppe von der Gemeinde Lüne hat kurz vor Abfahrt erfahren, dass sie nicht mehr fahren dürfen, da sind einige Tränen geflossen. Dass die Konfirmation nicht wie geplant stattfinden konnte, war den Familien mitunter schwer zu kommunizieren, da kam uns viel Enttäuschung entgegen. Aber wir konnten ja auch nichts tun. Und als wir unsere Norwegen-Sommerfreizeit absagen mussten, das war ein Drama. Das hat uns damals die höchste Klickzahl beschert, die wir je auf unserer Seite hatten.

Cordes: Es gab viele Brautpaare und Taufeltern, die mit der Gemeindesekretärin regelrecht verhandelten. Dieses ständige Verschieben auf unbestimmter Zeit, das war belastend.

Bogenschneider: Mir ist ein seelsorgerischer Fall sehr präsent. Den Eltern war die Taufe ihres Kindes sehr sehr wichtig. Es war schlimm, sie anzurufen und ihnen sagen zu müssen, dass die Taufe nicht stattfinden wird. Jetzt konnte das Kind allein zum Taufbecken laufen, ein wunderschönes Bild, dass ich nicht vergessen werde. Ein Bild der Hoffnung. Schwer war auch die seelsorgerische Begleitung der Schüler vom Johanneum, die sich in Quarantäne befanden und sogar Abstand zu ihren Eltern halten mussten.

Wie hat die Kirche auf die Krise reagiert?

Schmid: „Wir sind da, aber anders“, das wurde zu unserem Motto. Schon ab dem ersten Sonntag ohne Gottesdienst gab es Videobotschaften mit Kurzpredigten und Gebeten. Gottesdienste waren nun digital zu erleben. Seelsorge am Telefon. Besuche auf der Terrasse. Besprechungen über Zoom-Konferenzen. Die ganze Phase war ein großer Lernprozess.

Hinrichs: Wir stellen unsere Gottesdienste inzwischen online. Unser Kanal auf Youtube hat 182 Abonnenten, das bedeutet, dass wir mehr Leute erreichen, als im normalen Gottesdienst, vielleicht auch einfach andere. Das ist für uns eine positive Entwicklung. Wir werden das beibehalten. Es gibt kranke und alte Menschen, die gerne zu uns kommen wollen, aber es nicht mehr schaffen. Für die ist das eine Offenbarung. Andere haben vielleicht einfach sonntags am Vormittag keine Zeit und sie genießen es jetzt, den Gottesdienst zu schauen, wann und wo sie wollen. Natürlich ersetzt kein Stream die Atmosphäre einer Kirche, aber das ist ja auch gar nicht unser Anspruch.

Bogenschneider: Ich habe das Gefühl, dass das e-learning auch Generationen wieder mehr zusammenbringt, weil junge Leute Oma und Opa zeigen, wie das Ganze mit Laptop und Smartphone funktioniert.

Schmid: Es ist ja nicht nur die Technik. Auch sonst sind wir einfach erfinderisch geworden. Bei den ersten Taufen haben zum Beispiel die Eltern ihre Kinder selbst gesegnet, ein ganz besonderes Erlebnis, das für die Beteiligten unvergesslich ist.

Bogenschneider: Das stimmt. Bei uns in Dahlenburg wurden die Kinder jetzt draußen eingeschult. Jedes Kind wurde mit in einen Hulahup- Ring mit goldenen Bändern gehüllt und so besonders sichtbar gesegnet. Ein absolutes Behelfsszenario, doch jetzt haben viele Eltern gefragt, ob man es nicht bei der Einschulung draußen belassen könnte. Schön war auch die große Resonanz auf unsere Postkartenaktion, jeder Haushalt ab 75 hat von uns eine handgeschriebene Postkarte bekommen, da haben wir uns aufgeteilt. Die Senioren haben sich riesig darüber gefreut, das war für sie etwas Besonderes.

Das klingt, als könnten Sie auch Positives aus der Krise ziehen?

Cordes: Absolut. Es war schön zu sehen, wie die christliche Energie sich schnell andere Wege gesucht hat, sich nahezukommen. Bei uns an der Elbe wurden Kreuze vor die Kirche gestellt, Hoffnungssteine bemalt, es gab eine Andachtsstation im Schieringer Forst. In einem guten Sinne hat sich gezeigt, dass es für den Glauben nicht unbedingt die Kirche braucht.

Hinrichs: Ja, wir haben ein wiederentdecktes Bewusstsein: Wir können hinaustreten, hörbar und sichtbar werden, bei uns ging das zum Beispiel mit Posaunen- und Orgelmusik und Lautsprechern. Das war ein tolles Gefühl.

Bogenschneider: Ich habe das Gefühl, dass wir seit Corona fokussierter sind, wir wussten, wir müssen das jetzt auf andere Beine stellen, und plötzlich war die Energie da. Die Taufen zum Beispiel, die sind jetzt einzeln, eine halbe Stunde und auf den Punkt. Das hätte man sich früher nicht vorstellen können, aber jetzt ist es sehr schön so.

Schmid: Wir haben jetzt sowas wie Espresso-Gottesdienste: kürzer, aber intensiver.

Cordes: Und auch in Zukunft wird die Videokonferenz wohl so manche Dienstreise ersetzen.

Schmid: Wir ticken immer noch analog, aber jetzt haben wir eine zweite, digitale Sprache dazugewonnen.

Strentsch: Wir alle haben es gelernt, demütig zu sein. Die Dankbarkeit zu erleben, als es langsam wieder losging, zum Beispiel unsere Esel-Wanderung mit den Kindergottesdienst-Kindern, das war ein Geschenk. Von diesem Gefühl der Demut sollten wir uns etwas bewahren, als Kirche und auch als Einzelne.

Cordes: Ja, den Wert von Dingen, die uns immer selbstverständlich erschienen, haben wir neu zu schätzen gelernt.

Was war in dieser Zeit am schwersten für Sie?

Schmid: Die Sorge, nicht genug für die Menschen da sein zu können. Die Trauerfeiern im viel zu kleinen Kreis von nur zehn Personen. Auch der Vorwurf von Christine Lieberknecht, dass die Kirchen Menschen allein gelassen hätten, schmerzt. Sie hat ihn später relativiert. In den ersten Tagen der Pandemie war es ja tatsächlich nicht verantwortbar, zum Beispiel in Seniorenheime zu gehen, und in den folgenden Wochen haben wir vieles dann auch gemeinsam mit Heimleitungen möglich machen können. Schwer wiegt auch nach wie vor der Verzicht auf das Singen im Gottesdienst. Auch in den Kantoreien. Die Proben und Konzerte fehlen. Musik ist für viele in der Kirche ein wesentlicher Zugang zur Spiritualität und kaum durch etwas andere ersetzbar. Ich bin froh, dass die Chorarbeit in diesen Wochen wieder beginnen kann. Wenn auch unter ganz anderen Bedingungen. Und viele Gemeinden singen draußen. Ein großes Problem beim Wiederhochfahren der Gemeindearbeit war, dass rund zwei Drittel unserer Ehrenamtlichen ältere Menschen sind und dementsprechend zunächst nicht mitarbeiten konnten. Viele sind mittlerweile wieder aktiv, das ist sehr schön.

Bogenschneider: Für mich war die Trauerbegleitung per Telefon das schwerste. Ein Blick, eine Umarmung, ein gemeinsames Schweigen, das alles war nicht mehr möglich. Auch, dass wir zuerst nicht in die Heime durften zu Menschen, die sehr krank waren. Zum Glück gab es individuelle Lösungen, sodass auch wieder Sterbebegleitung und Aussegnungen möglich waren.

Schmid: Letzlich hatten wir alle die Situation nie geübt. Aus heutiger Sicht würden wir sicher einiges anders machen. Bei einer zweiten ähnlichen Situation würden wir beispielsweise versuchen, eine Stadtkirche offen zu halten, einen Kirchraum zum Gebet und als Ort, an dem man über die Krise hinausdenken kann.

Geht die Kirche gestärkt aus dieser Krise hervor?

Schmid: Ich hoffe das. Die Krise führt ja die Unverfügbarkeit des Lebens deutlich vor Augen. Zukunftsängste und Vertrauensfragen sind die Folgen. Als Kirche haben wir diese Fragen mit den Menschen gemeinsam zu stellen, auszuhalten und Antworten zu finden. Viele biblischen Texte bekommen seit der Corona-Krise neue Bedeutung: Zum Beispiel die Geschichte vom Turmbau in Babel, wo die hochstrebenden Pläne der Menschen durch den Zusammensturz beendet werden. Oder die Erzählungen von der Wüstenwanderung. Von Vertrauenskrisen, wenn eine schwierige Zeit sich in die Länge zieht und wie sie überwunden werden können. Ich denke, dass viele Menschen durch die Pandemie wieder den Sinn in Gemeinschaft vor Ort, im Teilen, in Glaube und Zukunftshoffnung erkennen und so unser Kirchen aber auch die Gesellschaft ihren Zusammenhalt erhält und sogar vergrößert. Ob das die Kirchenaustrittszahlen, die im letzten Jahr gestiegen sind, verringert, das wird man sehen.

Strentzsch: Vielleicht auch eine finanzielle Frage, viele Menschen müssen sparen. Ich bin mir sicher, dass einige auch durch die Krise den Weg zu Gott zurückgefunden haben.