Freitag , 30. Oktober 2020

Angriff der kleinen Käfer

Barendorf. „Willst du den Wald vernichten, so pflanze Fichten, nichts als Fichten!“ Dieser plakative Ausspruch eines Forstmannes aus dem 19. Jahrhundert hat für viele Förster traurige Aktualität bekommen. Denn der „Brotbaum der Forstwirtschaft“ ist an vielen Standorten – bedingt durch den Klimawandel – zum Sorgenkind des Waldes geworden. Erst setzten Stürme und Trockenheit dem „Baum des Jahres 2017“ zu, dann fielen Heerscharen von kleinen, aber äußerst gefräßigen Borkenkäfern über die geschwächten Bäume her. Nicht nur im Harz, wo ganze Fichtenwälder von den Insekten vernichtet wurden, sind die Schäden unübersehbar – auch in Barendorf kämpft Holger Kapell gegen die Forstschädlinge. Die LZ hat den Förster gemeinsam mit seinem Kollegen Knut Sierk bei einem Kontrollgang durch das Revier begleitet.

„Ich habe noch Glück“, sagt Kapell – der Anteil der Fichten in seinen 1800 Hektar großen Revier ist vergleichsweise gering, beträgt gerade einmal 7,3 Prozent. Bei den Kollegen wenige Kilometer weiter – etwa in der Göhrde – sehe die Situation aufgrund des deutlich höheren Fichtenanteils sehr viel angespannter aus.

Trotzdem hat auch Kapell gegen den Fraßhunger der Borkenkäfer zu kämpfen. „Diese Fichten haben auch schon die ‚Hose runtergelassen‘“, stellt Kapell fest und deutet auf etwa ein halbes Dutzend Nadelbäume. Der etwas flapsige Ausdruck des Försters beschreibt den Zustand der Bäume. Die Fichten haben einen Großteil ihrer Rinde verloren – eben „die Hose runtergelassen.“ Auch hier haben die Käfer ganze Arbeit geleistet.

Käfer leisten ganze Arbeit

Kapell hat die befallenen Fichten schon länger unter Beobachtung. Deutlich wird das an der roten Markierung, die er mit Sprühfarbe auf die Stämme aufgetragen hat. Die Bäume müssen jetzt möglichst schnell gefällt und aus dem Wald geschafft werden. Der Revierförster und sein Kollege Knut Sierk sprechen in diesem Zusammenhang vom „Grundsatz der sauberen Waldwirtschaft“, denn nur so lasse sich das zerstörerische Werk der Borkenkäfers begrenzen.

Was passiert, wenn man die Tiere gewähren lässt, erklärt Knut Sierk: „Steigt die Käfer-Population extrem an, können sie ganze Wälder zum Absterben bringen.“ Die trockenen Sommer der beiden vergangenen Jahre haben nämlich dafür gesorgt, dass sich Kupferstecher und Buchdrucker – die beiden Fichten-Schädlinge – besonders gut vermehren konnten. Sierk spricht von bis zu vier Käfer-Generationen. „Dabei reichen schon 200 Käfer des Buchdruckers, um die Abwehr eines Baumes zum Erliegen zu bringen“, berichtet er und fügt hinzu: „ Ein Borkenkäferweibchen kann in nur einem Jahr bis zu 100.000 Nachkommen erzeugen.“ Können auch diese sich unter optimalen Bedingungen vermehren, haben selbst gesunde Fichtennadelwälder dieser gefräßigen Invasionsarmee nichts mehr entgegenzusetzen.

„Wir müssen deshalb zusehen, dass wir das befallene Käferholz möglichst schnell aus dem Wald bringen, solange sich die Käfer noch unter der Rinde befinden“, erklärt Holger Kapell die Strategie der Förster.

Anzeichen für die Käfer-Attacke gibt es mehrere: So ist zum Beispiel Bohrmehl ein erstes Indiz dafür, dass der Angriff auf die Fichte begonnen hat. Anfangs wehrt sich der Baum noch, mit Harztropfen versucht er, die Angreifer abzuwehren. Doch weil die Fichten ohnehin schon zumeist durch Trockenheit geschwächt sind, funktioniert das nur noch begrenzt.

Befallene Bäume werden aus dem Bestand entfernt

Das letzte Kapitel im Leben der Fichte wird aufgeschlagen, wenn Spechte die Rinde anpicken, auf der Suche nach leckeren Larven und Käfern. „Fällt die Rinde bereits ab und die Nadeln verfärben sich, kommt für den Baum jede Hilfe zu spät“, erklärt Holger Kapell.

Dann hat der Borkenkäfer also gewonnen? „Nein!“, sagt der Barendorfer Revierförster, der im Kampf gegen den Schädling durchaus auch Parallelen zum Kampf gegen das Coronavirus sieht. „Das befällt bislang noch vergleichsweise wenig Menschen. Damit das so bleibt, findet bei den Behörden eine konsequente Rückverfolgung möglicher Kontakte statt“. Ähnlich funktioniere der Kampf gegen die Käfer-Plage: Befallene Bäume werden möglichst schnell aus dem Bestand entfernt, die verbliebenen auf Befall genau untersucht.

Dass das konsequentes Handeln sinnvoll ist, macht Kapell mit zwei Zahlen deutlich: „2019 hatte ich in meinem Revier noch 1500 Festmeter Windwurf- und Borkenkäferholz aufarbeiten müssen – in diesem Jahr sind es nur 150 Festmeter.“ Das zeige: „Wenn man dranbleibt, bekommt man das Problem in den Griff.“ Und trotzdem: Der Förster denkt schon über die Zeit der Fichten an diesem Standort in seinem Revier hinaus. „Hier werde ich statt Fichten Laubbäume anpflanzen“, berichtet er, „und zwar standort- und klimaangepasste Baumarten.“

In Folge drei geht es um Wildverbiss und Wildbestände.

Von Klaus Reschke

Mehr dazu:

Wald-Serie Teil 1: Der Patient hängt am Tropf