Dienstag , 27. Oktober 2020
Die Zahl der Hausärzte wird deutlich sinken. Die Kassenärztliche Vereinigung fordert deshalb unter anderem eine Erhöhung der Studienplätze für Medizin. Foto: AdobeStock

Bei den Augenärzten wird es besonders knapp

Lüneburg. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) schlägt Alarm: In den nächsten 15 Jahren wird die Zahl der niedergelassenen Hausärzte im Land deutlich sinken – von derzeit knapp über 5000 auf rund 3750. Dazu befürchtet die KVN eine Verschlechterung der Versorgung mit Fachärzten in den ländlichen Gebieten. Für Stadt und Kreis Lüneburg wird vor allem die Augenarzt-Dichte kritisch gesehen: Elf Mediziner dieser Fachrichtung gibt es derzeit, im Jahr 2035 könnten es deutlich weniger sein. Diese Entwicklungen nennt die „Arztzahlprognose 2035“, die die Leibniz Universität Hannover im Auftrag der KVN erstellt hat.

Quote für Lüneburg wird auf 75 bis 80 Prozent geschätzt

Die KVN befürchtet aufgrund der Studien-Ergebnisse, dass die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung immer schwieriger wird. „Vor allem die Hausärzte, aber auch einzelne fachärztliche Disziplinen stehen vor allem im ländlichen Raum erheblich unter Druck“, sagt der Vorstandsvorsitzende Mark Barjenbruch. Große Teile Niedersachsens würden dann nur noch eine Hausarztversorgung von rund 75 Prozent haben. Für Lüneburg wird die Quote auf 75 bis 80 Prozent geschätzt, 110 Hausärzte gibt es derzeit in Stadt und Kreis.

Die KVN fordert als Konsequenz zum einen eine Erhöhung der Studienplätze für Medizin, die seit Jahrzehnten immer weiter zusammengekürzt worden seien. Zum anderen plädiert der Verband für eine Landarztquote. „Damit geben wir auch Bewerbern eine Chance, die keine Traumnote im Abitur haben“, betont Barjenbruch.

Doch die Ausweitung der Studienkapazitäten müsse von weiteren Maßnahmen flankiert werden, wie etwa der engen Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Landkreisen, um so vor Ort die Rahmenbedingungen für Niederlassungen zu verbessern. „Alle Beteiligten müssen darauf achten, dass über den öffentlichen Nahverkehr die Mobilität der Menschen auch auf dem Lande erhalten bleibt“, fordert der Vorstandsvorsitzende.

„Vorhersagen sind mit Vorsicht zu genießen“

Der Verband der Ersatzkassen (vdek) hält dagegen wenig von den Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung. „Solche Prognosen haben immer auch die Funktion, eigene Interessen zu befördern“, erklärt der Leiter der vdek-Landesvertretung, Jörg Niemann. Schon die vor zwölf Jahren getroffene Arztzahlprognose der KVN für 2020 sei ein „Schreckensszenario“ gewesen, das sich nicht bewahrheitet habe – ganz im Gegenteil: „Die Zahl der niedergelassenen Ärzte in Niedersachsen ist seit 2008 nicht gesunken, sondern stattdessen deutlich gestiegen. Die Vorhersagen der KVN sind also mit Vorsicht zu genießen“, so Niemann.

Nach der KVN-Prognose von 2008 wäre ein erheblicher Teil der Kassenärzte bis zum Jahr 2020 aus Altersgründen ausgeschieden. Konkret hieß es laut vdek damals, dass die Zahl der Hausärzte landesweit um rund 1000 sinken würde. Tatsächlich aber sei die Zahl stabil geblieben und die aller Vertragsärzte sogar um 1151 auf 12.676 gestiegen.

Die KVN hält dem entgegen, dass in den allermeisten Bereichen Niedersachsens die Bevölkerung in den nächsten Jahren älter und somit morbider werde, der Behandlungsbedarf werde entsprechend wachsen. „Die Ergebnisse bestätigen unseren Kurs, bereits heute durch Mittel aus dem Strukturfonds in Niederlassungen, Anstellungen und Praxisübernahmen in Gebieten zu investieren, die stark von einer Unterversorgung bedroht sein könnten“, betont der KVN-Vorstandsvorsitzende.

Von Thomas Mitzlaff

Hintergrund

So viele Ärzte gibt es im Kreis

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