Freitag , 30. Oktober 2020
Zur ländlichen Idylle auf dem Anwesen von Dennis Haug (l.) und Jens Philippi tragen auch die Emdener Gänse bei, die Besucher schnatternd begrüßen. Foto: t&w

Mutmacher: Ihr Traum vom Dorfleben wurde wahr

Konau. Es war am Heiligabend 2012, als Dennis Haug und Jens Philippi über einen gemeinsamen Traum sprachen: Raus aus der Stadt Ulm und irgendwo in Deutschland auf dem Land leben. So mit Nachbarschaft, Dorfleben und ganz bewusst mit der Region und Natur im Einklang sein. Ein Jahr brauchte es, bis sie am Tag vor Silvester 2013 Nägel mit Köpfen machten: Sie unterschrieben den Kaufvertrag für ein Anwesen in Konau im Amt Neuhaus. Wer bei ihnen einkehrt, kann verstehen, warum es genau dieser Ort ist, an dem ihr Traum wahr wurde.

Die Emdener Gänse, die hinter einem mobilen Zaun schnattern, sind nicht nur schön, sondern auch besonders: Auf der Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen werden sie als „extrem gefährdet“ eingestuft. „Gerade mal 400 sollen es von ihnen noch geben“, sagt Philippi am Holztisch im Garten sitzend. Vier haben bei „den Filzern“ ein Zuhause gefunden. Wie auch die 17 Hühner und sechs Junghähne, die im Auslauf nach Futter picken. Die Eier sind Teil der Selbstversorgung, die Hähne haben sechs Monate ein schönes Leben, dann landen sie in der Bratröhre. „Wir schlachten selber, leicht ist das nicht.“

50 Prozent des Kalorienbedarfs selbst erzeugt 

Im Garten zwischen Wohnhaus, Ferienhaus und Scheune gedeihen Kohl, Zwiebeln, Kürbis, Endiviensalat und vieles mehr. Ein gewaltiger Walnussbaum hat im vergangenen Herbst 600 Früchte abgeworfen, alles für den Eigenbedarf – wie das früher auf dem Land so war und inzwischen vielerorts eine Renaissance erlebt. „50 Prozent unseres Kalorienbedarfs können wir selber erzeugen“, meint der ehemalige Vertriebsdirektor, der es immer noch mit Zahlen hat. Ansonsten zählt für ihn und Dennis Haug das Jetzt und das gefällt ihnen verdammt gut.

Bei Kaffee, dessen Bohnen aus einer Rösterei in Hagenow kommen, erzählt Philippi: Dennis und er kennen sich seit 14 Jahren. Er war Vertriebsdirektor bei einem Dachziegelhersteller, Dennis machte eine Ausbildung zum Grafik-Designer. Das Studium finanzierte er sich, indem er Tampon-Taschen, Schlüsselanhänger und Brillen-Etuis aus Filz mit frechen Sprüchen drauf anfertigt. Erst im Keller der Großeltern. Später, als auch für seinen Partner feststeht, dass sie sich mit Produkten aus echtem Wollfilz ein Geschäft aufbauen wollen, in einer Hinterhofwerkstatt in Ulm. Damals entstand die Idee: raus aufs Land.

Hofanlage steht unter Denkmalschutz

Gesucht haben sie per Internet und Zeitung nach dem Ort, im Suchfilter unter anderem „Haus auf dem Land“ eingegeben. 20 Objekte kamen bundesweit in Betracht, bei den meisten sprang kein Funke über. Doch als sie das Objekt in Konau in Augenschein nahmen, das aus einem sanierten Wohnhaus, einer nicht sanierten Scheune und einem maroden Backhaus besteht, stand für sie sofort fest: „Das ist es!“ Sie hatten ihn gefunden, den Ort, der erdet und in dem Nachbarschaft gepflegt wird. Zum Einstand luden sie zum Hoffest ein – zum Kennenlernen, aber auch zum Nachfragen, wie die anderen Dorfbewohner es mit der Sanierung gemacht haben. Denn die wie Perlen aneinandergereihten Hofanlagen in Konau sind denkmalgeschützt.

Es sind unter anderem ein Fliesenleger aus Popelau, ein Tischler aus Konau und ein Maurer aus Darchau, mit denen die Beiden das Backhaus 2016 komplett sanieren. Natürliche Materialen wie Eichendielen und Lehmputzwände sind der Historie des Gebäudes verpflichtet, das mit Designermöbeln ausgestattet ist. Die Fenster geben den Blick frei auf die Wiesen der Elbtalaue, auf denen Wildgänse und Singschwäne überwintern. Im Gästebuch schwärmen Besucher von dem „kleinen Paradies, das Entschleunigung bietet“. Es sind Fahrradtouristen und Menschen, die sich der Natur verbunden fühlen, die dieses Refugium lieben.

Das Haupthaus stammt aus dem Jahr 1777

Nebenan im Haupthaus, das bis auf das Jahr 1777 zurückgeht, haben die Gastgeber ihren Wohnbereich. Und auf der Diele, wo einst Pferde standen, befindet sich ihre Manufaktur „eigengut“. Aus reinem Wollfilz entstehen unter anderem Taschen, Sitzkissen, Lampen, Vorhänge und Wandverkleidungen – auch nach individuellen Wünschen der Kunden. Die kommen sogar aus New York: 260 bunte Sitzkissen sind so gut wie verpackt für eine Schule in der Bronx. Der Auftrag aus Übersee ist eher die Ausnahme. „Der Verkauf läuft im deutschsprachigen Raum übers Internet“, berichtet Philippi. Nur dort hat Ware, die handwerklich aus hochwertigen Produkten wie reinem Wollfilz hergestellt wird, eine Chance auf Umsatz. Der läuft zwar für die Filzer, die aber auch bedauern, dass ein Verkauf über den Einzelhandel schwer möglich ist. Der müsste dann nochmal drauf schlagen, dadurch würden die Produkte zu teuer.

Dass Billigprodukte von Amazon und Co. den Markt überschwemmen, kritisieren Haug und Phillipi, da dies mit ausbeuterischen Löhnen verbunden sei. Für die Beiden ein No-Go. Außerdem steht ihre Maxime hochwertiges Material dem entgegen, „bei dem wir die Produzenten kennen und das möglichst auch regional zu beziehen ist“. Ab Ende des Jahres soll ein Teil der Wolle von einem Schäfer aus der Region kommen, die wunderbar fein ist und mit der sich langlebige Produkte herstellen lassen. Nichts für eine Wegwerf-Gesellschaft. Aber von der sind die Beiden an ihrem Lieblingsplatz sowieso weit entfernt.

Geschichte

Vom Sperrgebiet zum Ausflugsort

Konau gehörte bis 1989 zum Sperrgebiet und war nicht nur zum Westen, sondern auch weitestgehend zum Landesinnern der DDR vollständig abgeschottet. Das Marschhufendorf birgt eine kleine Schatzkammer denkmalgeschützter Hofanlagen, die liebevoll saniert wurden. 1995 – zwei Jahre, nachdem das Amt Neuhaus in den Landkreis Lüneburg zurückgegliedert wurde – gründeten Bürger der Ortschaften Konau, Popelau und Darchau einen Förderverein, der sich hoch engagiert um die Entwicklung der Orte kümmert. Konau besteht aus 12 Höfen sowie einem weiteren Haus, der alten Schule. Zur Dorfgemeinschaft gehören 25 Alteingesessene sowie 13 Zugezogene. Am Elberadweg liegend, zieht der Ort Naturfreunde aus der Region und von weit her an.

Von Antje Schäfer