Samstag , 31. Oktober 2020
Im Kulturforum informierten Vertreter der Verwaltung Bürger über das geplante Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg. Foto: t&w

Überraschung beim Energiekonzept

Lüneburg. Auf dem Papier war das geplante Neubaugebiet Am Wienebütteler Weg erst mit 260, dann mit 400 und ist inzwischen mit 340 Wohneinheiten notiert. Wie es letztlich kommt, wird sich zeigen, wenn der Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan durch den Rat erfolgt. Bei einer Bürgerversammlung im Kulturforum, an der 65 angemeldete Bürger teilnahmen, stellte die Stadt Aspekte der derzeitigen Planung vor. Dabei ging es von der Art der Bebauung über die Verkehrsführung und Energieversorgung bis hin zum Entwässerungskonzept. Im Anschluss hatten die Bürger das Wort. Es gab viele kritische Nachfragen sowie die erneute Forderung: Kein Baugebiet im Grüngürtel West.

Knapp 300 Seiten füllen 77 Stellungnahmen, die von Bürgern und Trägern öffentlicher Belange bei der Auslegung des Entwurfs des Bebauungsplanes eingebracht wurden. Die würden nun abgewogen und gegebenenfalls aufgenommen, erklärte Stadtbaurätin Heike Gundermann. Anregungen aus dem langwierigen Bürgerbeteiligungsverfahren habe die Stadt inzwischen „bestimmten Themenfeldern zugeordnet“.

30 Prozent geförderter Wohnbereich

Die Erschließung soll nicht mehr über den Brockwinkler Weg erfolgen, sondern über einen Kreisel an der Kreisstraße nach Vögelsen. Geplant ist mehrgeschossiger Wohnungsbau sowie Reihen-, Doppel- und Einzelhäuser. Mehr als 30 Prozent soll im geförderten Wohnungsbau entstehen. Die Wohnungsgenossenschaft und die Lüneburger Wohnungsbau GmbH (Lüwobau) könnten hier Geschossbauten errichten.

Das Viertel soll laut Gundermann ein „lebendiges Zentrum bekommen“ mit einer Mobilitätsstation. Hier sollen unter anderem Carsharing, E-Ladestation, StadtRad und ein Spielplatz angesiedelt sein, wie Verkehrsdezernent Markus Moßmann erläuterte. Moßmann skizzierte verschiedene Radwegeverbindungen sowie deren Optimierung, die Anbindung der Buslinie 5009 durch das Viertel und die Einrichtung verkehrsberuhigter Bereiche. Damit in den Brockwinkler Weg nicht mehr Verkehr fließt und das Tempo rausgenommen wird, sollen dort Aufpflasterungen und versetztes Parken entstehen.

Harald Gründel von Avacon Natur erläuterte zur Überraschung mancher Bürger, dass man an einem neuen Energie-konzept arbeite, das etwa Geothermie, Solarthermie und Photovoltaik vorsehe, um möglichst CO₂-neutral Energie zu verwenden. Von dem ehemals geplanten Blockheizkraftwerk, das die Stadt noch im Frühjahr ins Kalkül gezogen hatte, ist nicht mehr die Rede. Julia Verlinden, Anwohnerin und grüne Bundestagsabgeordnete, plädierte dafür, dass im Viertel ausschließlich Passiv- sowie Plusenergiehäuser vorgeschrieben werden. Dann bräuchte es kein Wärmenetz der Avacon. Mädge hielt dagegen: „Wir sagen keinem, Du darfst das und das nicht bauen.“

Durch Teilbebauung weniger Kaltluft

Den ersten Aufschlag bei der Fragerunde machte Felicia Theissen von der BI Grüngürtel West. Sie erinnerte an den Ratsbeschluss von Oktober 2014, der auf Antrag der damaligen rot-grünen Mehrheitsgruppe erfolgt war. Danach sollte „der Landschaftsraum im Westen von Lüneburg zwischen den Gemeinden Reppenstedt, Vögelsen, Heiligenthal und der Wohnbebauung der Stadt planerisch langfristig für Natur- und Landschaftsschutz und die Naherholung gesichert“ werden.

Theissen wollte wissen, warum dieser Auftrag nicht umgesetzt worden sei. Gundermann erklärte: „Wir haben den Bereich am Wienebütteler Weg immer als Baugebiet beschrieben, das Gebiet gehört nicht zum Grüngürtel West.“ Dem hielt Wolfgang Kreider von der BI entgegen, dass im Landschaftsrahmenplan festgehalten sei, die Flächen von Bebauung freizuhalten. Er forderte: „Brechen Sie die Bauleitplanung ab.“ Erst einmal müsse das Stadtentwicklungskonzept stehen.

1500 zusätzliche Autos pro Tag

Mädge machte einmal mehr deutlich, dass es in Lüneburg einen hohen Bedarf an Wohnungen gebe. Für die Erhöhung der Wohneinheiten von 260 auf bis zu 400 hatte sich der Bauausschuss Mitte Mai ausgesprochen – gegen die Stimmen der Linken. Mehr Wohnungen bringe auch mehr Verkehr, gaben Anwohner zu bedenken. Schon jetzt quälen sich Autos aus dem Westen in die Stadt. 1500 zusätzliche pro Tag sollen dazu kommen. Mädges Wunsch, dass viele vom Auto aufs Rad und Bus umsteigen, bleibt erst mal Zukunftsmusik.

Zu der Frage, welche Auswirkungen die Bebauung auf die Kaltluftzufuhr in die Stadt hat, erklärte Peter Trute von GEO-NET: „Die Freiflächen bei Wienebüttel produzieren in der heutigen Situation Kaltluft. Durch eine Teilbebauung der ehemaligen Ackerflächen entsteht zwar weniger Kaltluft, der Luftaustauschprozess kommt aber nicht zum Erliegen. Es ist weiterhin ein relevanter Kaltluftzustrom Richtung Innenstadt gegeben.“ GEO-NET hat für die Stadt ein klimaökologisches Teilgutachten sowie das Gesamt-Klimagutachten erstellt.

Maßnahmen zum Gewässerschutz

Rückhaltebecken und Vorfluter

Jede Versiegelung einer Fläche beeinflusst das Mikroklima. Jedes Neubaugebiet steht daher auf dem Prüfstand. „Es wird unterm Strich keine Veränderungen geben“, sagte Lars Strehse. Der Geschäftsführer der Abwasser, Grün & Lüneburger Service GmbH (AGL) skizzierte vor dem Umweltausschuss die Maßnahmen für das geplante Neubaugebiet „Am Wienebütteler Weg“. Eines der Probleme ist das Regenwasser. Strehse: Die „Gewässerschutzmaßnahmen“ sehen unter anderem vor, dass das Regenwasser bei Starkregen von der angrenzenden „Vögelser Rinne“ aufgenommen werden soll. Der Graben soll aber nicht mehr Wasser erhalten als vorher. Ermöglichen sollen das ein Regenwasserrückhaltebecken, Vorfluter, eine Überflutungsfläche und Flutmulden im Norden des Baugebietes. Zudem ist ein Sammelbecken samt Abscheider für Schlamm geplant. Erstmals werden alle Straßeneinläufe mit Nasssandfang und zusätzlichen Filtern ausgerüstet. Die Grünflächen werden rund 30 Prozent des etwa 24 Hektar großen Neubaugebietes ausmachen. Die AGL wird Regenwasser auffangen und dann zur Bewässerung der Pflanzen, darunter 300 neue Bäume, nutzen. wko

Von Antje Schäfer