Freitag , 30. Oktober 2020
Die Zuckerernte auf den Feldern in der Region Lüneburg läuft auf Hochtouren und wird wohl bis weit in den November dauern. Foto: phs

Zuckerrüben: Spät, aber süß

Uelzen/Rullstorf. Bittersüße Überraschung zum Start der diesjährigen Rübenkampagne: „Es gab diverse technische Störungen, die zu einer leichten Verzögerung geführt haben“, berichtet Georg Sander, der beim Uelzener Nordzucker-Werk unter anderem für die Betreuung der Rübenanbauer zuständig ist. Einige Bauern, die einen Liefertermin in den ersten beiden Kampagnenwochen hatten, seien darum gebeten worden, ihre Rodung noch eine Weile aufzuschieben. Boris Erb aus Rullstorf etwa schließt vor diesem Hintergrund nicht aus, dass seine Erntearbeiten noch bis Anfang November andauern werden – und das ist ihm auch ganz recht so: „Die frühen Liefertermine sind ohnehin unbeliebt. Die Rüben wachsen noch, auch ihr Zuckergehalt.“

Inzwischen läuft nach Angaben von Werkschef Mathias Böker am Fabrikstandort Uelzen wieder alles glatt. Ähnlich wie im Vorjahr sollen dort in den Herbst- und Wintermonaten ersten Prognosen zufolge rund 2,5 Millionen Tonnen Rüben zu Zucker verarbeitet werden. Allein im Landkreis Lüneburg beliefern etwa 130 Landwirte das Uelzener Nordzucker-Werk, insgesamt sind zirka 1800 Bauern mit dem Anbau betraut. „Aus diesen Rüben stellen wir den Zucker für etwa 12 Millionen Menschen her“, rechnet Böker vor.

Stabile Erträge und Zuckergehalt von 17,3 Prozent

Zwar sei es in der relevanten Wachstumsphase der Feldfrüchte ab Ende März teilweise sehr trocken gewesen, doch im Vergleich zum Dürrejahr 2018 habe sich die Niederschlagsmenge zeitlich günstiger verteilt, bilanziert sein Kollege Sander. Das Ergebnis stimmt ihn zufrieden: 17,3 Prozent Zuckergehalt und stabile Erträge.

Letzteres unterschreibt auch Boris Erb. Als Vorstandsmitglied des Bauernverbandes Nordostniedersachsen (BVNON) weiß er aber auch um die Sorgen seiner Kollegen: „Wo keine Beregnung stand, hat das Wasser gefehlt.“ Betroffene Landwirte hätten mit erheblichen Ernteeinbußen zu kämpfen. Erb selbst baut Rüben auf 60 Hektar Land an, 50 Prozent gehen ans Nordzucker-Werk und werden zu Zucker weiterverarbeitet, die übrigen 50 Prozent landen in einer Biogasanlage.

Wenn es ihm allein um die Wirtschaftlichkeit ginge, hätte sein Berufskollege Reiner Bohnhorst schon vor einem Jahr vom Zuckerrübenanbau Abstand genommen. Weil er als Bio-Landwirt seine Felder nicht spritzen darf, musste er 2019 viermal bis zu 18 Feldarbeiter bei einem landwirtschaftlichen Dienstleister buchen, mehr als 250 Arbeitsstunden fielen für den Kampf gegen Distel und Melde an.

Bio-Rüben-Anbau ist aufwendig

„Gemüse ist finanziell attraktiver, aber dafür braucht man sich bei den Rüben nicht um die Vermarktung zu kümmern“, erklärt Bohnhorst. „Nordzucker ist froh über jede Bio-Rübe, die sie kriegen.“ Tatsächlich beobachtet Georg Sander eine rege Nachfrage in diesem Segment, doch das Interesse der Landwirte in der Region sei noch ausbaufähig. Darum suche Nordzucker derzeit in diversen Projekten nach zukunftsfähigen Lösungen für den aufwendigen Bio-Rüben-Anbau.

Bohnhorsts Antwort auf das Arbeitsstunden-Problem trägt den Namen „Alfons“, in Fachkreisen besser bekannt als „Farm­droid“. Der Feldroboter kann selbstständig Rüben säen und Unkraut hacken – und hatte in Oldendorf II im Landkreis Uelzen in diesem Jahr seinen ersten großen Auftritt (LZ berichtete). Die Ergebnisse lassen Bohnhorst hoffen: Zwar klafften auf den Versuchsflächen im Vergleich zu klassisch bewirtschafteten Bereichen mehr Löcher, das sei aber auf seine eigene technische Unkenntnis zurückzuführen, sagt der Landwirt. „Alfons“ habe sich als finanzielle Entlastung für seinen Betrieb entpuppt.

Während Bohnhorst bereits alle Rüben ans Nordzucker-Werk in Schladen geliefert hat, hofft Boris Erb noch auf ein paar sonnige Wochen bis zum Winter. Die Rübenkampagne in Uelzen endet nach Angaben von Mathias Böker voraussichtlich Ende Januar.

Von Anna Petersen