Mittwoch , 28. Oktober 2020
Marc Blancke (r.) und sein Geschäftspartner Christopher Weckler vor ihrem Hotel Wyndberg. Mitten in der Corona-Krise haben sie es eröffnet – und bereuen es keinen Moment. Foto: t&w

Mutmacher: Neues Leben in historischen Zimmern

Lüneburg. Es war der 10. September 2017, als Marc Blancke seiner Frau sagte, dass er sich verliebt hat. Die Neue in seinem Herzen war zwar schon deutlich älter, etwas heruntergekommen und jahrelang kaum beachtet worden, doch gerade das machte sie aus. Jetzt, drei Jahre später, sollen sich auch andere in sie verlieben.

Sie, dass ist eine stattliche Villa am Rande der Lüneburger Altstadt. Das ehemalige Syndikatshaus am Windberg. Seit Juni begrüßen Blancke und sein Partner Christopher Weckler dort im Hotel Wyndberg Gäste.

Die Geschichte begann an eben jenem 10. September 2017, dem Tag des offenen Denkmals. Blancke nahm damals an einer Haus-Führung des Eigentümers Stephan Scheer aus Bleckede teil. Die Neugier zog ihn. Immerhin betreibt Blancke nur wenige Hundert Meter entfernt das Hotel „Anno 1433“. „Wenn dann in der Nähe etwas so Interessantes entsteht, muss man sich damit beschäftigen“, sagt Blancke heute.

Der Hotelier schwärmt vom Bauherrn

Stephan Scheer begann damals damit, das Haus sanieren zu lassen. Einen Pächter für die spätere Nutzung gab es noch nicht. „Ich hatte schon bei dem ersten Rundgang ein Kribbeln in den Fingern“, beschreibt Blancke. Also suchte er das Gespräch mit Scheer. Und die beiden Männer wurden sich einig. Noch heute schwärmt der Hotelier vom Bauherren. „Er hatte großen Mut sich dieser Sache anzunehmen und das Gebäude vor dem Verfall zu retten.“

Doch ganz allein konnte und wollte Marc Blancke ein solches Projekt nicht angehen. Über gemeinsame Bekannte lernte er Christopher Weckler kennen. Der Gastronomie-Fachmann gab seinen Job in Hamburg auf – und stürzte sich mit ins Abenteuer.

Und dann kam Corona. Im März hätte das Wyndberg eröffnen sollen. Doch alles was sie erreichte waren Stornierungen. „Das war extrem hart“, gesteht Blancke. „Und es war auch schwer, damit umzugehen. Es gab Tage, da habe ich mich gefragt, ob das alles richtig ist, was ich mache.“ Doch ein Abbruch des Projekts kam nicht infrage. „Wir hatten gar keine andere Wahl als weiterzumachen“, sagt Christopher Weckler.

Vizekanzler Olaf Scholz war der erste Gast im Restaurant

Im Juni schließlich konnte der Betrieb starten. Erster Gast im anspruchsvollen Restaurant war übrigens Vizekanzler Olaf Scholz – ganz privat. Und der August war sogar so, „als würde es kein Corona geben“, bilanziert Weckler. Das Risiko und Durchhaltevermögen scheinen sich gelohnt zu haben.

Von ihrem Hotel und dem Konzept sind sie ohnehin überzeugt. Neben der zentralen Lage, dem Restaurant und der hauseigenen Destille ist es vor allem das sanierte historische Gebäude, mit dem sie punkten wollen. „Um solche vertäfelten Decken und Holzmalereien zu sehen, müsste man sonst eine Rathaus-Führung machen“, sagt Blancke. Gerade die alte Bausubstanz sei es ja, warum Touristen nach Lüneburg kämen.

Doch wie es weitergeht, ob es einen zweiten Lockdown gibt und wie das Weihnachtsgeschäft laufen wird, das bleibt unsicher. „Aber alles andere haben wir selbst in der Hand“, sagt Marc Blancke selbstbewusst. Das sieht auch Christopher Weckler so. „Klar, zu jeder Selbstständigkeit gehört Mut. Aber das Schlimmste das passieren kann ist, dass man scheitert. Und scheitern gehört zum Leben dazu.“

Doch um sich mit so etwas zu beschäftigen, dafür fehlt den beiden Geschäftsführern gerade eindeutig die Zeit. „Es gibt so viel zu tun“, sagt Weckler. „Aber gerade das macht es so spannend. Es wird nie langweilig.“

Von Lion Grote