Freitag , 30. Oktober 2020
So löppt dat...so läuft das: Jutta Dörling hat sich problemlos in die westdeutsche Arbeitswelt eingelebt. Foto: t&w

30 Jahre deutsche Einheit: Bei Anruf Job im Westen

Lüneburg. 30 Jahre deutsche Einheit: Für Jutta Dörling hat dieses Ereignis eine besondere Bedeutung– auch ganz persönlich. Denn während zur Wendezeit viele Fachkräfte aus dem Westen in den Osten wechselten, in der Hoffnung, schnell Karriere machen zu können, wählte die inzwischen 62-Jährige den umgekehrten Weg. Und das auch eher durch Zufall.

Im Gespräch mit der LZ erinnert sich die gebürtige Magdeburgerin jetzt an die abenteuerlichen Zeiten vor 30 Jahren, an die Stimmung, die im Lande herrschte aber auch an die Schwierigkeiten, mit denen die Menschen im Osten zu kämpfen hatten, um im Westen anzukommen. Und das sprichwörtlich. „Das fing schon mit einem simplen Telefonat an“, sagt schmunzelnd Jutta Dörling, die heute bei der Heid Löper GmbH beschäftigt ist, ein Unternehmen, das unter anderem den Vertrieb der Landeszeitung organisiert.

Geboren und aufgewachsen ist Jutta Dörling in der DDR in der Nähe von Magdeburg. In Plauen (Vogtland) machte sie ihre Ausbildung zur „Wirtschaftskauffrau“ – vergleichbar sei dieser Berufsabschluss mit dem der Bürokauffrau, erklärt sie.

Mitte der 80er zog sie nach Boizenburg

Mitte der 1980er Jahre schließlich zog Jutta Dörling nach Boizenburg, fand eine Anstellung bei den Fliesenwerken – im Materialeinkauf: „Alleine in dieser Abteilung waren wir zehn Frauen“, sagt Jutta Dörling heute geradezu ungläubig. Viel Personal für nicht ganz soviel Arbeit – sozialistische Beschäftigungspolitik eben. Das Ende ist bekannt.

1989/90 – zur Wendezeit – war der zweifachen Mutter längst klar, dass ihr Job im Fliesenwerk wohl keine Zukunft mehr haben wird, auch in diesem Werk ein massiver Personalabbau droht.

Da erwies es sich als ein glücklicher Zufall, dass ihr eine Kollegin während einer Mittagspause vom damaligen Vertriebsleiter der Landeszeitung berichtete, der zu dieser Zeit auf dem Marktplatz in Boizenburg Personal suchte. Denn wie viele andere westdeutsche Verlage auch, wollte auch die LZ expandieren und ein Büro in Boizenburg eröffnen– „ob das nicht was für mich wäre?“ Und weil ihr die Kollegin auch gleich die Telefonnummer des LZ-Vertriebsleiters mitgebracht hatte, zögerte Jutta Dörling nicht lange.

Der Anruf im LZ-Vertrieb kostete 20 Ostmark

Der Anruf im LZ-Vertrieb allerdings gestaltete sich da schon deutlich schwieriger. Telefon in der eigenen Wohnung hatten in der DDR in der Regel nämlich nur Funktionäre – Jutta Dörling musste sich im Postamt eine Verbindung nach Lüneburg herstellen lassen. „Nur, dass in Lüneburg niemand Bescheid wusste und ich deshalb im Verlag mehrfach durchgestellt werden musste“, erinnert sich Dörling.

Die Zeit verrann – „und die Warteschlange im Postamt vor dem Telefonapparat wurde immer länger,“ berichtet die gebürtige Magdeburgerin und fügt schmunzelnd hinzu: „Das Gespräch hat mich damals ungefähr 20 Ostmark gekostet.“

Gut angelegtes Geld, denn Jutta Dörling überzeugte ihren neuen Chef – und bekam den Job. Im Februar 1990 eröffnete die Außenstelle der Landeszeitung in Boizenburg. Doch vor dem morgendlichen Arbeitsbeginn musste die neue LZ-Mitarbeiterin zunächst in den Keller steigen, Kohle holen und den Ofen anheizen. Eine Arbeit, die sie allerdings nicht allzu lange erledigen musste. Anfang der 1990er-Jahre schloss der Verlag das Büro in Boizenburg wieder, Jutta Dörling wechselte in den Vertrieb nach Lüneburg.

Ein Jahr noch pendelte sie, dann verlegte sie auch ihren Wohnsitz in den Landkreis Lüneburg. Zunächst nach Adendorf und dann nach Vögelsen.

Hat sie den Schritt bereut? Nein, sagt sie – nie! Auch wenn sie zunächst vieles neu lernen musste – sämtliche Postleitzahlen und Ortsnamen im Verbreitungsgebiet der LZ beispielsweise. „So, wie es gekommen ist, es es gut“, sagt Jutta Dörling zufrieden, ich arbeite hier mit prima Kollegen zusammen, ich fühle mich wohl.“ Ein Zurück in die neuen Bundesländer ist für die 62-Jährige unvorstellbar.

Von Klaus Reschke