Freitag , 30. Oktober 2020
Judith Sehrbrock ist positiv beeindruckt von Lüneburg: „Eine hübsche Stadt mit unfassbar vielen Restaurants und Cafés.“ Foto: Michael Behns

Rote Rosen: Unverschämt, aber mit Überzeugung

Lüneburg. Sie wäre schon traurig gewesen, wenn es nicht geklappt hätte mit den Rosen, räumt sie ein. Schließlich war sie fünf Mal zum Casting nach Lüneburg gefahren. Und selbst nach dem fünften Mal sei sie ohne Zusage wieder abgereist, die Produktionsfirma ließ Judith Sehrbrock lange zappeln. Nicht etwa, weil sie nicht überzeugt waren von ihrem Können. Wohl eher, weil sie entscheiden mussten, für welche der beiden Hauptrollen in der 18. Staffel sie die 47-Jährige letztlich besetzen. Am Ende wurde es Tatjana Petrenko.

Erstmals setzen die Rosen in einer Staffel auf zwei Hauptdarstellerinnen. Neben Jana Hora-Goosmann, die als Mona Herzberg zu sehen sein wird, übernimmt Judith Sehrbrock den zweiten Part. „Eigentlich wurde ich für die Figur Mona Herzberg gecastet“, verrät sie der LZ. „Aber dann wurde ich gefragt, ob ich auch mal die Tatjana ausprobieren würde.“

Sie wollte – und habe gleich gemerkt, dass die noch besser passt. „Mich hat diese Frau gereizt. Vielleicht weil sie ein bisschen fremder ist und manchmal auch Dinge sagt, die eigentlich unverschämt sind. Aber Tatjana sagt sie mit so viel Wärme und Überzeugung, dass ich als Judith dachte: Ach ja, klar. Ich finde, da kann man ihr gar nicht böse sein.“

Ihre Rolle ähnelt ihr nicht 

Ihre Rolle skizziert sie so: „Tatjana hat einen Online-Shop für Möbel und Wohnaccessoires, wohnt seit drei Jahren in Lüneburg, hat hier jetzt einen Showroom gefunden und sich damit einen Jugendtraum erfüllt. Was ich sympathisch finde ist, dass sie gar keinen Hang zum Kochen oder Backen hat, Geburtstagskuchen kauft sie immer aus der Tiefkühltruhe im Supermarkt. Ich dagegen liebe es zu backen, und ich liebe es zu kochen.“

Die Serienfigur hat zudem sportliches Talent. Die in Freiburg geborene Schauspielerin erzählt: „Mona wird die Tasche geklaut, Tatjana rennt dem Dieb hinterher und schafft es, dass der letztlich die Tasche fallen lässt. Ich wusste gar nicht, dass ich so schnell sein kann.“ Diese Einschätzung könnte allerdings Understatement sein, denn Judith Sehrbrock ist keinesfalls unsportlich: „Ich habe früher Leistungssport gemacht – rhythmische Sportgymnastik.“ Auch beim Kunstturnen war sie aktiv und hat Volleyball gespielt. „Und ich tanze gern, ob Jazz, Steppen oder Ballett.“

Noch bleibe ihr durchaus ein bisschen Zeit neben den Dreharbeiten, doch ihr Pensum wird steigen mit zunehmender Präsenz der Figur. Schon nach den ersten Wochen am Set stellt sie fest: „Die Arbeit ist sehr viel straffer, als ich es von vorherigen Produktionen kenne – eine Herausforderung.“

Natürlich helfe es, wenn es mit den Kolleginnen und Kollegen harmoniert. Und das scheint der Fall zu sein: „Ich bin so dankbar, weil Jana und ich uns sehr gut verstehen. Wir beide können sofort schallend lachen. Es passt von der Persönlichkeit und vom Humor richtig gut. Auch mit Herbert Schäfer, der ja in der Rolle zwischen uns beiden Frauen steht. Das ist ein Geschenk.“

Durchweg positiv seien auch ihre ersten Eindrücke von Lüneburg: „Eine hübsche Stadt mit unfassbar vielen Restaurants und Cafés, viel Einzelhandel und keine Mall. Als ich das erste Mal abends in die Stadt gegangen bin, begegneten mir drei Menschen, die mir komplett fremd waren und die mich anlächelten und sagen: ‚Moin‘. Da dachte ich: Mein Gott, ist das toll. Das passiert einem in Berlin, wo ich zuletzt 20 Jahre lang gelebt habe, nicht.“ Und nein, versichert sie auf Nachfrage, es waren nicht alles Männer, die sie da angelächelt hätten.

Die Schwester musste leiden

Überhaupt mag es die Darstellerin inzwischen gern eine Nummer kleiner. Früher habe sie unbedingt weggewollt in die große weite Welt. Sie war ein Jahr als Au Pair in Paris, ging nach Hamburg, wo sie Schauspiel studierte, später nach Berlin. „Aber wenn ich heute mal wieder in meiner alten Heimat Oldenburg bin, denke ich: Ach, das ist ja total lebenswert. Die Uhren gehen gefühlt langsamer, die Leute bleiben mal stehen und halten ein Schwätzchen, so ein bisschen wie in Spanien, nur kalt und etwas wortkarger.“

Wortkarg ist sie selbst auch dann nicht, wenn es um ihre Hobbys geht. „Ich bin wahnsinnig gern im Garten und lese auch gern Gartenbücher über Permakulturen und nachhaltigen Anbau. Sich das ganze Jahr über aus dem eigenen Garten ernähren – das finde ich mega spannend.“ In Lüneburg aber hat sie keinen Garten, ob da die Lektüre reicht? „Ja, ich bin da wohl ein bisschen nerdig.“

Wenn es mal kein Gartenfachbuch ist, darf es gern auch die Ukulele sein: „Ich sitze abends oft da und spiele darauf. Nicht gut, aber sehr gerne.“ Ob sie dann auch singt? „Joa, hört ja keiner“, antwortet sie und lacht. Sie habe zwar mal Gesangsunterricht gehabt, „aber ich stelle mich nicht hin und sage, meine Stimme ist so gut, dass sie jeder hören muss. Ich singe aber gern – lange sehr zum Leidwesen meiner Schwester.“

Karrieredaten

Der Knast und ihr wichtigster Film

Judith Sehrbrock ist einem größeren TV-Publikum durch die RTL-Serie „Hinter Gittern“ bekannt geworden, wo sie von 2000 bis 2003 die Figur der Martina Vattke spielte. „Eine tolle Truppe war das, da gibt es immer noch Freundschaften aus der Zeit“, sagt sie. In der langen Liste ihre Arbeitsnachweise sind zudem unter anderem bekannte Serien wie „SOKO Leipzig“, „Alphateam“, „Siebenstein“, „Notruf Hafenkante“, „In aller Freundschaft“ und der Tatort aus Saarbrücken mit Devid Striesow zu finden.
In guter Erinnerung sind ihr die Kinderserie „Amans Geheimnis“, „da durfte ich reiten, das fand ich mega“ und „Der Fall Harry Wörtz“. Die 47-Jährige sagt: „Der beruht ja auf einem echten Fall, der mich sehr berührt hat. Da habe ich zwar nur eine Gerichtsreporterin gespielt. Aber das war ein so wichtiger Film. Ich war froh, ein Teil dessen zu sein.“
Neben ihrer Fernsehkarriere hat sie auch auf der Bühne gestanden, unter anderem im Altonaer Theater in Hamburg, zudem hat sie als Synchronsprecherin gearbeitet.

Von Alexander Hempelmann