Montag , 26. Oktober 2020
Aljoscha Diercks demonstriert den „evomove“. Über eine App gesteuert gibt das Gerät elektrische Impulse an den Unterschenkel ab und löst dadurch eine Muskelbewegung aus. Foto: t&w

Mutmacher: Vorwärts mit Technik

Lüneburg. Aljoscha Diercks ist froh, dass er ein Unternehmen aufgebaut hat, mit dem er anderen Menschen helfen kann. Dieses Wissen motiviert ihn und sein 16-köpfiges Team jeden Tag aufs Neue, sagt der 31-Jährige. Vor rund vier Jahren hat er „Evomotion“ gegründet, vor knapp zwei Jahren kam das Kernprodukt der „evomove“ auf dem Markt. Es verbindet funktionelle Elektrostimulation und Orthetik und verhilft beeinträchtigten Menschen so zu einem „normaleren“ Leben.

Das Thema medizinische Robotik habe ihn schon immer fasziniert, erzählt Aljoscha Diercks, der Elektrotechnik in Hamburg studiert und bereits zu dem Zeitpunkt in Lüneburg gelebt hat. Besonders interessiert war er an dem Thema Elektrostimulation in Kombination mit Orthesen. „Ich habe damals im Rahmen meiner Masterarbeit einen Prototypen gebaut, ein eigenes System entwickelt und damit Schlaganfallpatienten behandelt“, erzählt er.

Der evomove ersetzt die Steuerung des Gehirns

Das Prinzip dahinter sei einfach, meint Diercks: „Der ,evomove‘ löst durch elektrische Impulse eine aktive Bewegung im Unterschenkel aus und ersetzt damit die Steuerung des Gehirns.“ Denn Patienten mit einer zentralen Nervenschädigung, also entweder im Gehirn oder im Rückenmark, könnten diese Bewegung nicht mehr von selbst auslösen. „Auch Orthesen können das nicht, diese können lediglich stabilisieren und führen“, sagt Diercks. Der „evomove“ unterstütze die Funktion einer Orthese und sorge zusätzlich für eine bessere Gehbewegung.

„Für die Patienten hat das mehrere Vorteile: Sie können weitere Strecken zu Fuß zurücklegen, bekommen dadurch mehr Ausdauer, reduzieren ihre Schmerzen und vermeiden, dass ihre Muskeln zurückgebildet werden“, zählt Diercks auf. „Der ,evomove‘ ermöglicht also möglichst viel Eigenaktivität.“ Anwendbar sei er, je nach Ausprägung der Krankheit, bei Schlaganfallpatienten, Multipler Sklerose oder auch Zerebralparese.

Nachdem die ersten Behandlungen im Rahmen seiner Masterarbeit Erfolg zeigten, beschloss Diercks irgendwann, eine eigene Firma zu gründen. Er stellte einen Antrag auf Wirtschaftsförderung und konnte noch zwei weitere Investoren gewinnen. Dann dauerte es noch einmal über zwei Jahre, bis der „evomove“ für den Markt zugelassen wurde.

„Wir waren in vieler Hinsicht Vorreiter“, erklärt Diercks, „wenn auch ungewollt.“ So entschieden er und sein Team sich dagegen, eine Fernbedienung zur Steuerung des Produkts zu entwickeln. „Uns erschien es viel einfacher, eine App dafür zu nutzen.“

Einfacher für den Nutzer – aber nicht für Diercks und seine Kollegen. „Da wir eines der ersten Medizinunternehmen waren, die diesen Weg gehen wollten, war es sehr kompliziert, dafür eine Zertifizierung zu bekommen“, erklärt er. Wie man ein Smartphone als Infrastruktur unterbringen könnte, sei auch für die Prüfer zunächst Neuland gewesen.

Mittlerweile gibt es das Produkt in vielen Ländern

Letztlich hat jedoch alles geklappt und das Geschäft läuft mittlerweile gut. „Bis heute habe ich über 200 Patienten selbst testweise begleitet“, sagt der Geschäftsführer. Einige seien dabei geblieben, für manche Patienten sei das Produkt jedoch nicht geeignet. „Es ist aber total schön zu sehen, wenn wir damit jemandem helfen können“, findet Diercks.

So habe er gerade ein 8-jähriges Kind aus der Region Lüneburg besucht, das seit knapp zwei Jahren mit dem „evomove“ lebt. „Insgesamt laufen in Deutschland etwa 50 Menschen mit dem ,evomove‘ herum“, sagt der 31-Jährige. Etwa 25 Sanitätshäuser in ganz Deutschland, davon einige hier aus der Region, arbeiten mit dem Produkt. Seit einem Jahr ist auch Norwegen an Bord, mittlerweile noch Dänemark und die Schweiz. Mit Italien, Australien und Neuseeland werden gerade Gespräche geführt, so Diercks.

„Wir haben noch ambitionierte Ziele“, sagt er. Die Konkurrenz sei bisher noch übersichtlich: Ein Unternehmen aus den USA, eines aus China und neuerdings eines aus Spanien. „Ich sehe uns aber als innovativstes Unternehmen und würde gerne auch mit unseren nächsten Produkten eine Vorreiterrolle einnehmen.“

Aus Lüneburg weg wollen sie auch bei weiterer Expansion zunächst nicht. Diercks: „Ich bin mit dem Standort sehr zufrieden. Wir haben viele Partner hier, werden gut von der Wirtschaftsförderung Lüneburg unterstützt – und außerdem mag ich die Stadt einfach.“

Lilly von Consbruch