Samstag , 31. Oktober 2020
Der Lüneburger Shanty-Chor bei der Aufzeichnung der Sendung „Klock 8, achtern Strom“ in Rostock. Foto: k. e. g.

Mutmacher: Die Ersten waren die Letzten

Lüneburg. Viele Menschen, aus Ost und West, haben ihre speziellen Erinnerungen an die ebenso ereignisreiche wie spannende Zeit vor 30 Jahren, als die DDR und die Bundesrepublik zu einem Staat wurden – ganz spezielle haben die Mitglieder des Lüneburger Shanty-Chors.

Karl-Eckhard Gieseking, Sänger und Chronist des traditionsreichen Ensembles, erinnert sich an das besondere Engagement des musikalischen Lüneburger Aushängeschilds: Am 22. September 1990, also elf Tage vor der Wiedervereinigung, wurde der Auftritt des Shanty-Chors unter Leitung von Dieter Gedusch für die Sendung „Klock 8, achtern Strom“ des damaligen Deutschen Fernsehfunks (DFF) der DDR aufgezeichnet.

Am 13. Oktober 1990, also zehn Tage nach der vollzogenen Wiedervereinigung, wurde die Sendung ausgestrahlt – es war die 123. und gleichzeitig auch letzte Sendung, die dann vom Sender eingestellt wurde.

Seit 1966 wurde die Sendung „Klock 8, achtern Strom“ im DDR-Fernsehen produziert – als Gegenstück zur „Haifischbar“, die in der Bundesrepublik vom Norddeutschen Rundfunk produziert wurde. Unzählige Interpreten aus der DDR und Gäste aus 35 Ländern, aus „sozialistischen Bruderländern“ und auch einigen westlichen Staaten, waren bei „Klock 8, achtern Strom“ dabei – aber niemand aus der Bundesrepublik. Bis 1990 eben, als der Lüneburger Shantychor nach Rostock kam und als erster bundesdeutscher Chor in der Sendung mitwirken durfte. Für die Aufzeichnung in Rostock engagiert war auch das Duo Pat&Paul aus Reppenstedt.

Für Lüneburgs Shantysänger war es ein ganz besonderer Ausflug „in die noch existierende Deutsche Demokratische Republik“, so Karl-Eckhard Gieseking. Immerhin: „Angst an der Grenze brauchte man nicht mehr zu haben, dass man bei einem falschen Wort erst einmal auf das Abstellgleis geschoben wird.“

Lüneburger im Bild

Nach intensiven Proben ging es am zweiten Tag des Aufenthalts an der Ostsee mit der Aufzeichnung los. „In der Sendung waren wir dann gleich als erste an der Reihe“, erzählt Gieseking. Pat&Paul hatten ihre Auftritte, dann noch einmal die Lüneburger Shantysänger mit dem Medley „Ostseewellen“. Bis zum Ende der Sendung blieben die Lüneburger im Bild.

„Im Hotel wurde der gelungene Auftritt später kräftig gefeiert“, erinnert sich Gieseking. Am nächsten Morgen erfuhren die Lüneburger dann beim gemeinsamen Frühstück, dass die Hotelleitung eine Lektion in Sachen Kapitalismus und Marktwirtschaft wohl schon gelernt hatte, erzählt der Shantychor-Chronist eine Schmonzette: „Jede einzelne Wurst- und Käsescheibe wurde uns mit einer Mark berechnet. Für manche von uns wurde es so ein richtig teures Frühstück.“

Gespannt warteten die Lüneburger Shantysänger dann einige Wochen später auf die Ausstrahlung der Sendung, in der sie mitgewirkt hatten – und waren damit dann auch hochzufrieden. Karl-Eckhard Gieseking sagt: „Aufgezeichnet noch zu DDR-Zeiten und gesendet in einem wiedervereinigten Deutschland, so machte der Lüneburger Shanty-Chor auch noch Geschichte.“

Von Ingo Petersen