Freitag , 30. Oktober 2020
Mutmacher Rote Rosen
Happy End für Astrid und Alex: Der Start in die Ehe bedeutet zugleich das Ende für Claudia Schmutzler und Philipp Oliver Baumgarten bei den Roten Rosen. (Foto: be)

Die sozialistische Seele ist geblieben

Lüneburg. Lange Zeit sah es nicht gut aus für Astrid und Alex. Zwar hatte es gleich gefunkt zwischen beiden, doch da war ja vor allem dieser Altersunterschied. Ihr Glück suchten sie deshalb auf anderen Wegen. Astrid bändelte mit ihrem Jugendfreund Henning an, Alex raufte sich wieder mit Judith zusammen, schon wegen ihres gemeinsamen Sohnes. Doch beide Beziehungen scheiterten. Und so kam es wie es kommen musste, wenn Liebe im Spiel ist: Astrid, gestandene Mutter mit genügend Elan, um mit einem eigenen Käseladen nochmal neu durchzustarten, und Alex, liebevoller Vater und talentierter Jungkoch mit großen Ambitionen, fanden zueinander. Das Happy End für das nur auf den ersten Blick so ungleiche Duo bedeutet zugleich das Ende der 17. Staffel der Roten Rosen.

Claudia Schmutzler und Philipp Oliver Baumgarten sind in ihren Rollen als Astrid Richter und Alexander Maiwald noch bis Mitte Oktober im Ersten zu sehen. Ihr letzter Drehtag in Lüneburg liegt bereits hinter ihnen.

Dass beide aber zueinander finden und glücklich in eine gemeinsame Zukunft starten, ist kein Geheimnis, sondern Konzept der ARD-Dauerserie. Seit 2006 steht in bislang noch jeder Staffel eine Frau in den besten Jahren und ihr jeweiliges Liebesleben für 200 Folgen und damit ein knappes Jahr im Mittelpunkt. Das Spannende für die Fans ist also nicht das Ob, sondern stets das Wie.

Mit den Protagonisten der aktuellen Staffel haben die Macher der Produktionsfirma Serienwerft eher zufällig auch ein kleines zeitgeschichtliches Zeichen gesetzt. Denn beide Darsteller, die quasi in den Ausstrahlungsjahren vom 30. Jahrestag des Mauerfalls bis zum 30. Jahrestag der deutschen Einheit im Westen des ehemals geteilten Landes ihr Glück fanden, kommen aus dem Osten: Sie wurde 1966 in Dresden geboren, er 1988 in Magdeburg. Aber während sie schon vor der Einheit Bekanntheit erlangte und im „Polizeiruf“ im DDR-Fernsehen zu sehen war, hat er von der DDR kaum noch etwas mitbekommen. Und doch hat er eine ganz besondere Wendeerfahrung machen dürfen.

Der kleine Philipp Oliver war gerade mal ein Jahr alt, als er 1989 bei einem der bedeutendsten Momente der deutschen Geschichte live dabei war: Der damalige Außenminister der Bundesrepublik, Hans-Dietrich Genscher, hielt seine berühmte Rede auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag – und an einem der Fenster hinter ihm steht Mama Baumgarten, die mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in die Tschechoslowakei geflüchtet war, hat ihren Bub auf dem Arm und kann ihr Glück kaum fassen.

Die junge Familie zog nach Baden-Württemberg, wo Philipp Oliver schon im Kindergarten erste Auftritte auf der Bühne vor Publikum hatte und später nach der Schule auch die Schauspielerei als beruflichen Weg einschlug. Nach ersten Engagements – unter anderem im lippischen Detmold – landete er vor zwei Jahren in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern. Von Ost nach West und wieder zurück – für den heute 32-jährigen Vater einer Tochter aber spielt das keine Rolle. „Heimat ist da, wo die Familie ist“, sagt er. In den vergangenen Monaten war das Lüneburg.

In der Heimat auf Zeit hatte es ihm der Kalkberg angetan, „da bin ich viel spazieren gegangen. Aber auch die Lüneburger Altstadt gefällt mir sehr gut“. Die Heide hätte er auch gern erkundet, „aber das habe ich irgendwie nie geschafft“. Und auch für die eine oder andere Rudertour in der Region – schließlich hatte er das für seine Rolle extra gelernt – blieb bei dem straffen Drehplan kaum Zeit. Doch das enorme Pensum in seiner Lüneburger Zeit habe nicht nur Nachteile gehabt: „Mein Kurzzeitgedächtnis ist deutlich besser geworden. Dass ich immer so viel Text lernen musste, war ein gutes Training.“ Vielleicht auch für seine Rolle als Judas, in der er ab Oktober wieder auf der Theaterbühne steht.

Wohl nicht nur kurzzeitig im Gedächtnis bleiben wird die Lüneburger Zeit bei Claudia Schmutzler. Die 54-Jährige schwärmt geradezu von der Atmosphäre am Set: „Ich habe das gesamte Team sehr, sehr schätzen gelernt. Ich spüre auch eine große Dankbarkeit, dass so viele Menschen so viel dazu beigetragen haben, dass wir selbst in Zeiten von Corona nach einer nur kurzen Pause täglich drehen konnten. Und es war natürlich schön, dass ich in der Serie zwei so liebenswerte Männer an meiner Seite hatte. Es ist nicht zwingend erforderlich, aber schon hilfreich, wenn man sich auch abseits des Bildschirms mag.“ Und zu Jelena Mitschke, die in den Rosen als Dr. Britta Berger zu sehen ist, sei gar eine enge Freundschaft entstanden.

Doch nicht nur die Kollegen sind ihr ans Herz gewachsen. „Ich mag Lüneburg wahnsinnig gern, obwohl ich in der ganzen Zeit vielleicht nur sieben Mal in der Stadt war“, sagt sie.

Nun freut sich die ehemalige „Schwester Stefanie“ der ARD, dass sie wieder etwas mehr Zeit für ein regelmäßigeres Familienleben hat: Ihr Sohn ist in der 10. Klasse; ihre Tochter Charley Ann, die als Sängerin schon bis auf Platz 3 der deutschen Charts vorpreschte und auch Schauspielerin ist, will sie als Coach auf zwei anstehende Castings vorbereiten; und mit Sönke Schnitzer ist seit vier Jahren auch ein Schauspielkollege ihr Lebenspartner. Beruflich warten szenische Lesungen und Theater, unter anderem mit der bei Rosen-Fans auch bestens bekannten Dana Golombek.

Osten, Westen – für Claudia Schmutzler ist das 30 Jahre nach der Wiedervereinigung eigentlich keine Frage mehr. Dabei sind beide „alten deutschen Staaten“ für sie ganz nah, denn ihren familiären Ankerpunkt hat sie in Berlin gefunden. „Die Stadt ist für mich jetzt Heimat.“ Eines aber sei ihr aus der eigenen DDR-Vergangenheit doch geblieben, verrät sie der LZ mit einem tiefgründigen Lächeln: „Ich habe noch immer eine sozialistische Seele.“

Von Alexander Hempelmann