Freitag , 30. Oktober 2020
Wald
Ein leckerer Appetithappen für das Rehwild: Diese Buche wurde vielfach verbissen und hat daher kaum noch eine Chance, zu einem stattlichen geraden Baum heranzuwachsen. (Foto: t&w)

„Bonsai-Bäume“ bei Barendorf

Barendorf. Zuweilen erinnert die Arbeit von Holger Kapell und seinen Kollegen an die von Sisyphus: Denn so, wie der Held aus der griechischen Mythologie mit seiner schweren Arbeit niemals fertig wird, müssen auch Förster häufig wieder von vorne beginnen, wenn Hitze, Trockenheit, Borkenkäfer und Sturm den Wald verwüsten. Und selbst wenn die Setzlinge junger Bäume diese Bedrohung überleben, droht ihnen Gefahr: Hungriges Rehwild, das sich über die Triebe hermacht.

Im Bereich „Bilmer Strauch“ zwischen Elbe-Seitenkanal, Bundesstraße 216 und der Gemeinde Barendorf sind die Folgen des Wildverbisses gut zu sehen. Hier soll der vorhandene Nadelwald nach und nach umgewandelt werden in einen Mischwald mit klimaangepassten und standortgerechten Baumarten. Doch die bereits gepflanzten Buchen haben es schwer, an Höhe und Volumen zu gewinnen. „Bonsai-Bäume“ nennt der Barendorfer Revierförster die Bäumchen, die kaum kniehoch aus dem Gras wachsen und mehr an ein Heckengewächs denn an einen jungen Baum erinnern.

„2017 wurden die Laubbäume gepflanzt“, berichtet Kapell, während er gemeinsam mit seinem Kollegen Knut Sierk die Neuanpflanzung begutachtet. Eigentlich müssten die Bäume bereits mannshoch gen Himmel wachsen. Kapell läuft zu einer Buche, die ebenfalls vor drei Jahren gepflanzt wurde, aber etwas abseits steht und vom Rehwild – aus welchen Gründen auch immer – offenbar verschmäht wurde. Diesen Baum drängt es mit Macht zum Licht. Denn nur Bäume, die den Platz an der Sonne behaupten, können ausreichend Photosynthese betreiben.

Energiereiche Terminaltriebe

Was dieser Prozess bedeutet, erklärt Knut Sierk, Pressesprecher der niedersächsischen Landesforsten: „Pflanzen produzieren aus Wasser und Kohlenstoffdioxid Zucker und Sauerstoff. Der Sauerstoff wird an die Luft abgegeben. Um genügend Energie für die Fotosynthese zu haben, braucht die Pflanze das Sonnenlicht.“ Und sein Kollege Holger Kapell ergänzt: „Durch die Photosynthese bilden Pflanzen ihre Biomasse, die wiederum höheren Lebewesen als Nahrung dient.“ Warum das Rehwild besonders scharf auf den sogenannten Terminaltrieb der Bäume ist, erklärt Kapell: „Das ist der energiereichste Spross am Baum.“

Der Wildverbiss ist zu einem echten Problem in vielen Revieren geworden: Um junge Laubbäume zu schützen und Deutschlands Wälder zu stärken, will die Bundesregierung sogar den vermehrten Abschuss von Rehen ermöglichen. Der entsprechende Entwurf zur Änderung des Bundesjagdgesetzes von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) stößt allerdings längst nicht überall auf Zustimmung. „Wald vor Wild“ lautet die Devise – schließlich müssen bundesweit 245 000 Hektar Wald – die Fläche des Saarlandes neu aufgeforstet werden. Um den Wildverbiss zu minimieren, soll das Rehwild verstärkt zum Abschuss freigegeben werden.

„Der beste Schutz gegen Wildschäden sind immer noch angepasste Wildbestände.“ – Holger Kapell, Förster

Aus Sicht der Förster müsste dieser Plan doch eine gute Sache sein, doch Holger Kapell widerspricht: „Ich persönlich empfinde den Slogan ‚Wald vor Wild‘ äußerst unglücklich. Wald und Wild gehören für mich untrennbar zusammen!“ Viel wichtiger ist aus seiner Sicht, eine vernünftige Balance zwischen Aufforstung und Wildbestand hinzubekommen. „Walderneuerung und –umbau erfordern angepasste Wildbestände. Jagd muss sich an wildbiologischen Erkenntnissen orientieren“, fordert der Barendorfer Revierförster. Kritiker sehen die Novellierung des Bundesjagdgesetzes aber auch noch aus einem anderem Grund kritisch, denn letztlich müssen diese Neuerungen von den Ländern übernommen werden.

Schutz von Setzlingen vor Verbiss meist kostenintensiv

Eine weitere Möglichkeit, die Naturverjüngung ohne Wildverbiss hinzubekommen, ist das Gattern ganzer Schonungen oder der Einzelschutz der Setzlinge: Etwa durch Baumschutzhüllen, Wildverbiss-Manschetten oder Verbissschutz-Mittel für den Terminaltrieb. Doch all dieses Maßnahmen sind kostenintensiv und letztlich nur eine Notlösung. Denn wenn das Wild von einem Areal ausgesperrt wird, wird es an anderer Stelle umso mehr Fraßschäden verursachen. „Der beste Schutz gegen Wildschäden sind immer noch angepasste Wildbestände“, fasst Kapell zusammen.

Von Klaus Reschke

In Folge IV der Waldserie geht es um die ökologische und soziale Bedeutung des Waldes.

Die bisherigen Folgen:

Teil 1: Der Patient hängt am Tropf

Teil 2: Angriff der kleinen Käfer