Freitag , 30. Oktober 2020
Mutmacher Jens Thomsen
In drei Jahren will sich Jens Thomsen aus der Organisation herausnehmen. Ob er das schafft? (Foto: t&w)

Mutmacher: Ideen produzieren Ideen

Barnstedt/Reinstorf. Es kann ein volles Leben brauchen, um anzukommen. Jens Thomsen lebte „bockgetrieben“, als er jung war, und führte ein „Etikettenleben“, als er Marketingchef wurde. Alles ganz spannend. Seit einigen Jahren aber ackert er dafür, Geflüchteten Perspektive zu geben. Stichworte: Musikmeile Barnstedt, One World Reinstorf. Thomsen ist 67, locker 60 Stunden in der Woche im Einsatz, schläft wenig, noch nachts sprudeln Ideen. „Ich empfinde es nicht als Arbeit“, sagt er beim Kaffee am Morgen und muss gleich los – ein Projekt anschieben.

„Alle wollten studieren, ich nicht. Ich wollte die Weltrevolution.“ – Jens Thomsen

Zeitraffer: Abischnitt 3,8, das ist rekordverdächtig. Bundeswehr, „ich wollte erfahren, was den Reiz einer Waffe ausmacht“. Schlosserlehre, „alle wollten studieren, ich nicht. Ich wollte die Weltrevolution“. Klappte nicht. Jobs hier, Jobs da. Metallverarbeiter, Kinokartendrucker, Hausmeister einer Werbeagentur. Da fuhr er die Wagen seiner Chefs. „Mit dem Zwölfzylinder zum Treffen beim KB“ – sprich Kommunistischer Bund. Lang ist’s her.

Weiter, immer weiter. „Ich wollte keine Kläranlagen mehr schweißen“, sagt Thomsen. Manchmal trifft man einen, der einen kennt, der einen kennt. Plötzlich war Thomsen Chefredakteur beim Hannoveraner Stadtmagazin „Schädelspalter“, bald darauf Mitherausgeber bei „Nana – Hannoversche Wochenschau“. Die hielt 50 Ausgaben durch. Thomsen wurde Vater. „Da war es Zeit, Grund reinzubringen“. Er machte eine Ausbildung bei einer Marketingagentur. Jobs waren zwar rar, Thomsen aber zäh und bald Marketing­chef bei Fielmann – „dreieinhalb Jahre, damit war ich Dienstältester“. Elf Jahre in gleicher Position folgten bei Cinestar, „ein extrem schnelles Geschäft“. Kein gesundes.

Seit 19 Jahren lebt Thomsen in Barnstedt, „es war mein Schlafdorf“, fast täglich pendelte er nach Lübeck. Dann kamen die ersten Geflüchteten nach Barnstedt und für ihn die entscheidende Wende. Die Idee der Musikmeile entstand, um Geld für die Geflüchteten aufzutreiben. Thomsen mischte mit: „Ich habe darüber eine völlig andere Inspiration gewonnen. Vorher ging alles um Umsätze, Etiketten. Popcorn. Plötzlich hatte alles einen Sinn.“

Eine kleine Gruppe mit der Power

Man kann sein Leben neu orientieren, das alte aber nicht gänzlich abstreifen. Thomsen bescheinigt sich einen Lokomotiven-Charakter. Er treibt Themen schnell voran. „Entweder machst du etwas komplett oder du lässt es sein.“ Das kann polarisieren, das weiß er. Aber ihm geht es um die Sache, und er denkt eher groß als klein. Bei der ersten Musikmeile spielten zehn Bands, kamen 750 Besucher. 2019 gab es 50 Auftritte auf neun Bühnen, 8000 Besucher. Rund hundert Barnstedter organisierten die bundesweit wohl einmalige Aktion. Das gesammelte Geld wird in Bildung und Arbeit für Geflüchtete investiert.

„Es braucht immer eine kleine Gruppe mit der Power, etwas groß zu machen“, sagt Thomsen. Keine Frage, dass er zu den Signalgebern zählt. Wichtig dabei ist ihm: „Nicht problem-, sondern lösungsorientiert denken.“

2020 ist Corona. Keine Musikmeile? Jemand aus dem Team erwähnte das Projekt Zeltschule, das in Flüchtlingslagern in Syrien und Libanon kleine, effektive Schulen betreibt. Thomsen hatte über Nacht eine Idee. Die Musikmeile zieht über Land. Privat organisierte Benefiz-Konzerte in Eitzen und in Lüneburg, in Scharnebeck und Neetze, in Hamburg, natürlich in Barnstedt und andernorts. Auch in Reinstorf, im One World, „einem Kind der Musikmeile“, sagt Thomsen.

Ideen produzieren Ideen, Kontakte führen zu Kontakten, Visionen wollen wahr werden. Eine in Reinstorf: Das 105 Jahre alte Dorfgasthaus läuft seit März 2018 unter dem Namen One World. Auch hier sollen Geflüchtete Perspektive gekommen. Drei Auszubildende gibt es zurzeit – aus Mali, Kolumbien und dem Iran. Aufgetischt wird eine Multikulti-Küche, und donnerstags bis sonntags gibt es Live-Kultur, mehr bietet niemand in der freien Szene. Musik aus vielen Kulturen verbindet die Menschen. Das zu sehen, zu erleben, macht Thomsen glücklich. Der Saal, einer der schönsten im Landkreis, bietet bis zu 200 Menschen Platz, pandemisch lässt das Team nur 70 hinein.

Der Dialog der Generationen soll gefördert werden

Schritt um Schritt wird das Haus professionalisiert. Ob Licht, ob Ton: Wenn es von irgendwoher eine Förderung gibt, Jens Thomsen hat den Antrag schon gestellt. Mobiliar, Sonnenschirme für die Terrasse? Thomsen findet Sponsoren. Er kurvt auch mal quer durch die Republik, um Bühnenteile zu holen, die es irgendwo umsonst gab.

Thomsen, die Lokomotive, der Signalgeber, der Weichensteller, er steht nicht still. Zum Dialog zwischen Kulturen soll das One-World-Zentrum künftig auch den Dialog der Generationen befördern. Und dann lauern da noch Ideen für mehrere Seiten.

„Bockgetrieben“ ist er wie in jungen Jahren. Nur beim Segeln kommt er runter, er liebt das „intensive Im-Jetzt-Sein“, die direkte Verbindung mit der Natur. Er kennt das aus der Kindheit, lebte länger mit der Familie im Urwald. Aber das ist dann doch eine andere Geschichte.

„In drei Jahren werde ich 70, dann will ich rausgehen“, sagt Thomsen und lacht sein breites Lachen. In drei Jahren sprechen wir uns wieder – auf der Musikmeile, in Reinstorf oder wo immer die Lokomotive gerade rollt.

Von Hans-Martin Koch