Freitag , 30. Oktober 2020
Ein Mann für spektakuläre Fälle: Jürgen Schubbert ist seit 45 Jahren bei der Polizei tätig. Foto: t&w

Die Göhrde-Morde sind sein letzter großer Fall

Lüneburg. Er nennt sich scherzhaft einen „Globetrotter in Sachen Polizei“. Vom Streifenbeamten bis zum Rauschgiftfahnder, vom Hundeführer bis zum Zielfahnder, vom Mordermittler bis zum Dienststellenleiter – Jürgen Schubbert hat so ziemlich alles mitgenommen, was das Land Niedersachsen seinen Ordnungshütern an Aufgabenvielfalt zu bieten hat. Und ebenso außergewöhnlich wie seine Karriere ist auch das Jubiläum, das der Erste Kriminalhauptkommissar in diesen Tagen feiert: In seinem Lebenslauf stehen nunmehr 45 Jahre Polizeidienst.

Der 61-Jährige ist ohne Zweifel einer der schillerndsten Lüneburger Ermittler – nicht zuletzt wegen seiner aktuellen Aufgabe: Er leitet die achtköpfige Ermittlungsgruppe „Göhrde“, die weitere Hintergründe der beiden spektakulären Doppelmorde erhellen soll, die im Sommer 1989 bundesweit für Aufsehen sorgten. Als Täter gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit der 1993 verstorbene Kurt-Werner Wichmann, doch die Polizei geht davon aus, dass er einen noch lebenden Mitwisser oder sogar Komplizen hatte.

Schubbert wehrt sich gegen seine Pensionierung 

Ob Jürgen Schubbert ihn mit seinem Team noch in seiner aktiven Dienstzeit überführen kann, ist ungewiss. Denn die Polizeidirektion Lüneburg hat seinen Antrag auf eine Aufschiebung des regulären Pensionseintritts abgelehnt – im Februar nächsten Jahres wäre somit Schluss. Doch dagegen klagt der erfahrene Ermittler jetzt vor dem Verwaltungsgericht.

„Wir sind mittendrin, die über 2000 Spuren erneut auszuwerten. Das ist wie ein Puzzle, deren Teile verdeckt auf dem Tisch liegen“, sagt der Erste Kriminalhauptkommissar. „Wir sind voll dabei, diese Teile umzudrehen und zu versuchen, sie zusammenzulegen.“ Aus kriminalistischer Sicht sollte bei einem solchen Umfang kein Leitungswechsel vorgenommen werden, findet Schubbert – und er will das Verfahren gern mit seinem Detailwissen begleiten – deshalb jetzt die Klage, die vom Bund Deutscher Kriminalbeamter begleitet wird.

Angepasst war Jürgen Schubbert noch nie. Mit 16 Jahren beendete der Lüneburger die Realschule („ich hatte keinen Bock mehr auf Lernen“), um bei der Polizei zunächst gewissermaßen vom Regen in die Traufe zu kommen. „Statt Uniform, Kelle und Mütze musste ich wieder die Schulbank drücken“, erinnert er sich an seine ersten beruflichen Schritte im Jahr 1975.

Aufarbeitung der alten Akten wie ein Marathon-Lauf

Stationen bei der Bereitschaftspolizei in Braunschweig und im Streifendienst in Hannover folgten. Sein Engagement als Sanitäter führte ihn zurück in heimatliche Gefilde, zunächst nach Uelzen. Weitere Verwendungen waren auch die Einsatz- und Ausbildungsstaffel in Winsen, als Hundeführer war er mit einem auf Rauschgift trainierten Vierbeiner unterwegs, verschiedene Leitungsfunktionen in Braunschweig folgten, Fachlehrer an der Polizeischule war eine Station wie Leitung der Zielfahndung und dem für Mord- und Sexualdelikte zuständigen 1. Fachkommissariat im Kreis Harburg.

Gewerkschaftlich engagiert ist Schubbert als stellvertretender Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter und Lüneburger Außenstellenleiter der Opferschutzorganisation Weißer Ring.

Dann fragte ihn Anfang 2017 der damalige Lüneburger Polizeipräsident Robert Kruse, ob der erfahrene Fahnder nicht mit einem Team die Göhrde-Morde neu aufrollen wolle. Die Aufarbeitung der alten Akten erweist sich als Marathon-Lauf, den Schubbert nicht auf halber Strecke abbrechen will. Die Polizeidirektion lehnte den Pensionsaufschub jedoch nunmehr ab und wollte dies gegenüber der LZ mit Hinweis auf das laufende Verfahren nicht begründen.

Schubbert – verheiratet, dreifacher Vater und vierfacher Opa – hätte dann mehr Zeit für seine Hobbys Motorradfahren und Hundehaltung. Doch halbe Sachen sind nicht sein Ding – und so wird über die Pensionierung wider Willen womöglich juristisch entschieden. Es ist ein Vorgang, der mittlerweile auch politisch aufmerksam verfolgt wird, schließlich ist das Aufrollen sogenannter Cold Cases für das Landeskriminalamt eine wichtige Aufgabe, für die eigens vier Ermittlungseinheiten im Land aufgestellt wurden.

Doch Schubbert verdankt seinen Erfolg als Polizist auch seiner Hartnäckigkeit. „Wir sind ein Team und wir wollen es gemeinsam zu Ende bringen“, sagt er.

Von Thomas Mitzlaff