Freitag , 30. Oktober 2020
Szene mit Signe Heiberg und Karl Schneider (hinten rechts), am Klavier sitzt Ulrich Stöcker. Foto: t&w

Die Bar der Sehnsucht öffnet

Lüneburg. Es ist spät. Sehr spät. Vielleicht schon früh. Es ist die Zeit der Versprengten, übrig Gebliebenen, Einsamen. Irgendwo in einer Bar tröpfeln sie ins schummrigte Licht, die einen tapern in sich verloren hinein, andere trumpfen mit Hoppla-hier-bin-ich-Grandezza auf. Sie lehnen sich an den braunen Tresen, hocken sich an ein Tischchen, trinken, rauchen, trinken, sinnieren, trinken, und dann singen sie, was ihnen auf der Seele liegt. „Fremde in der Nacht“ heißt ein Liederabend im Theater Lüneburg beziehungsweise „in der Bar der Sehnsucht“, einem Ort mit hohem Melancholiefaktor.

Die Welt von Frank Sinatra und Zarah Leander

Es ist immer ein Risiko, wenn Musiker das Fach wechseln. Versuchen Rockmusiker, symphonisch zu klingen – aua! Fangen klassisch ausgebildete Sänger an, in die Popmusik einzutauchen, dann wird vermeintliche Veredelung leicht zum Edel-Kitsch. Nun schickt Intendant und Regisseur Hajo Fouquet fünf seiner klassischen Sänger in die Welt der Zarah Leander, zu Frank Sinatra und Jacques Brel. Das geht fast durchweg erstaunlich gut, manchmal mehr als das.

Die Bar, die Stefan Rieckhoff entworfen hat, könnte auch – zum Beispiel – die ziemlich legendäre im Hamburger Hotel Reichshof sein. Irgendwo jedenfalls, wo eine Handvoll Frauen und Männer keinen Schlaf findet. Wenn das Publikum den Saal betritt, spielt Barpianist Ulrich Stöcker schon Angejazztes. Bald wischt – desinfiziert? – Barkeeper Alexander „Shaking“ Tremmel Tresen und Tische und singt „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Der Mann hinterm Tresen ist der einzig gut gelaunte Mensch in dieser 60-Minuten-Nacht.

Es gibt nicht viel zu inszenieren für Fouquet. Er lässt den quirligen Barmann mixen und erfindet fünf gestrandete Typen, denen die Nacht zu lang und zu schwarz ist und der Morgen zu grell. Es gibt angedeutete, fast überflüssige Spielszenen, wichtiger indes sind die Charaktere. Vier von fünfen tragen eine Fassade vor sich her, die schneller bröckelt als sie trinken, rauchen und trinken können. Bei einem aber ist von vornherein klar: Der Mann ist komplett fertig. Wie Karl Schneider mit angerautem Ton und perfektem Timing fern aller Opernhaftigkeit einen zutiefst enttäuschten, von Liebesleid verknitterten Menschen verkörpert, das ist schon stark. Schneiders Jacques-Brel-Versionen stecken voller Abgründe und Seelenschmerz.

Wer sitzt da noch in der Bar? Eine junge Frau, wie übrig geblieben von einer Feier, flattert herein, neugierig, ein bisschen naiv und mit Lust am Flirt. Singt Franka Kraneis aber das von Barbra Streisand berühmte, unendlich traurige „Papa Can You Hear Me“, dann sorgt sie für den berührendsten Moment des Abends. Dass Franka Kraneis gern und gut Akkordeon spielt, darf sie auch wiederholt zeigen.

Die Diva säuft sich die Hucke voll

Zwei lieben die große Geste. Signe Heiberg rauscht rein wie einst die Knef, samt Sonnenbrille in der Nacht. Dann aber säuft sich die Diva die Hucke voll. Heiberg drosselt in ihren Beiträgen ihre Stimme, bringt Emotion und Klangfarbe in Lieder von Kurt Weill, was besonders beim „September Song“ sehr gut passt. Bei Mackebens „Nur nicht aus Liebe weinen“ darf sie Klangpower auffahren – kein Problem für sie; ob es zu dem Lied passt? Ansichtssache.

Die große Pose bringt Ulrich Kratz in die Nacht, er kommt im Dinner-Jacket, ganz Mann von Welt, schreitet durch die Bar und hockt dann doch ganz hinten am Tresen und trinkt und raucht und trinkt. Dass Kratz dem Titelsong des Abends alle Sinatra-Farben mit auf den Weg gibt – logisch! Postiert hinter der nachtblau leuchtenden Wand begleiten ihn die Symphoniker. Phillip Barczewski leitet sie, mit Ulrich Stöcker sorgt er für eine fein ausgewogene, dezente Begleitung der Sänger.

Im Theater schrumpft die Nacht auf eine Stunde, bleibt kurzweilig und lockt die Besucher nach langem Applaus noch in die Stadt – wo sie bei Bedarf trinken, reden, trinken, schweigen…

Von Hans-Martin Koch