Dienstag , 27. Oktober 2020
Hatten sich viel zu erzählen: Miachel Bromm und Markus Schönke. Foto: Philipp Schulze / phs

Interview zum Weltlehrertag: „Damit tut man Kindern Unrecht“

Lüneburg. Am Montag war Weltlehrertag. Aus diesem Anlass hat die LZ mit Markus Schönke (45), Lehrer an der Wilhelm-Raabe-Schule, und Pensionär Michael Bromm (69) über die Veränderung der Schullandschaft gesprochen. Zwei Lehrergenerationen im Dialog.

Herr Bromm, waren Sie ein guter Schüler?

Michael Bromm: Nein, im Gegenteil: Ich hatte eine ganz chaotische Schullaufbahn. Ich bin Lehrer geworden, weil ich das Umfeld Schule eigentlich toll fand, aber das, was die Lehrer gemacht haben, irgendwie blöd. Ich wollte es besser machen und dachte immer: Man muss mehr gemeinsam tun, hinterfragen, Projekte anschieben, neue Unterrichtsformen testen. Das passiert viel zu wenig.

Markus Schönke: Langsam tut sich da aber was: Man versucht, von diesem Frontalunterricht wegzukommen – zumindest dort, wo es sinnvoll ist – und mehr in Gruppen zu arbeiten, neue Methoden anzuwenden. Das muss auch unbedingt mehr werden.

Bromm: Ich hatte ADHS, aber davon hatte man zu meiner Schulzeit noch keine Ahnung. Ich wurde immer als der Böse oder der Schwierige abgestempelt. Damals habe ich sogar noch in der Ecke stehen müssen, und in der zweiten Klasse, als ich einen Lehrer unabsichtlich provoziert hatte, wurde ich von ihm in einem Wutanfall fast zusammengeschlagen. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Ist der Blick aufs Kind heute individueller?

Schönke: Ja, ich denke schon, dass wir Lehrer heute mehr auf die Schüler schauen. Wobei gerade in puncto Inklusion sehr viel von uns erwartet wird, vielleicht auch zu viel. Ich sage nicht, dass Inklusion nicht funktioniert. Aber ich sage: Die Schulen müssten besser darauf vorbereitet werden. Es braucht pädagogische Unterstützung, und müsste man nicht eigentlich auch die Klassen verkleinern?

Bromm: Stimmt! An der Grundschule Hasenburger Berg hatten wir ein tolles Modell. Dort gab es in jedem Jahrgang eine Klasse mit Förderbedarf: acht bis 14 Kinder, die von zwei Lehrkräften betreut wurden. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Förder- und Grundschulklassen gab den Kolleginnen die Möglichkeit, alle optimal zu fördern. Manche konnten bessere Ergebnisse erzielen, einige von der Förder- in die Regelschule wechseln. Die zwei oder drei Stunden, die die Kollegen heute pro Schüler mit Förderbedarf bekommen, reichen nicht aus.

Nicht nur die Förderschule ist inzwischen weitestgehend Geschichte, sondern auch die Trennung zwischen Haupt- und Realschule: Fluch oder Segen?

Schönke: Ich finde das sehr schwierig. Es gibt viele Berufe, für die man nicht unbedingt auf dem Gymnasium gewesen sein muss. Es kommen immer mal wieder Kinder zu uns an die Schule, die von Anfang an überfordert und unglücklich sind. Der Schritt vom Gymnasium an eine Oberschule ist dann oft mit dem Gefühl des Scheiterns verbunden. Keine gute Erfahrung. Zu sagen: Man braucht das Abitur, um etwas zu werden – damit tut man vielen Kindern Unrecht.

Herr Bromm, haben Sie bei Ihren Auslandsaufenthalten in Ägypten und Brasilien Modelle kennengelernt, von denen man sich hier in Deutschland etwas abschauen kann?

Bromm: Die meisten deutschen Auslandsschulen sind Eliteschulen. Das kann man nicht unbedingt vergleichen. Aber in Ägypten und São Paulo habe ich gelernt, wie bilinguale Erziehung und Unterricht mit Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, auch auf Deutsch funktionieren kann. In São Paulo hatten wir am Ende ein System, das schon in der Kinderkrippe ansetzte. Am Ende der Grundschulzeit sprachen die Kinder fließend deutsch, einige Jahre später hatten sie ein deutsches Abitur. Dort müsste man hinschauen, wenn es jetzt zum Beispiel um die Förderung von Flüchtlingen geht.

Herr Bromm, wenn Sie heute als Großvater mit etwas Abstand auf das deutsche Schulwesen schauen: Was fällt Ihnen da auf?

Bromm: Diese gesellschaftlich und pädagogisch nie diskutierte Situation, dass die Schule plötzlich in ganz großem Umfang für die Betreuung der Kinder während der Arbeitszeit der Eltern zuständig ist. Ich bin nicht dagegen, dass man sagt: Schule soll nicht nur bilden, sondern sich auch für einen großen erzieherischen Teil zuständig fühlen. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals eine Diskussion dazu gegeben hat, wie eine Schule aussehen soll, die das leisten kann. Stattdessen wird geschaut, wie man die Kosten möglichst gering halten kann.

Sind Lehrer auch in gewisser Weise mehr Eltern für ihre Schüler geworden?

Schönke: Nein, das könnten wir gar nicht leisten – einfach, weil es auch Situationen gibt, die wir nicht ersetzen können. Kommen die Kinder zum Beispiel mittags von der Schule, fragen die Eltern: Wie war es in der Schule? Das ist keine Frage, die man als Lehrer in der Schule stellt. Freizeit in der Schule zu verbringen, ist auch einfach nicht jedermanns Sache. Man kann dort zum Beispiel nicht das komplette Sportangebot abbilden. Und teilweise müssen Schüler immer noch Hausaufgaben machen, wenn sie nach Hause kommen. Das ist so nicht richtig.

Herr Schönke, würden Sie Ihrem Sohn empfehlen, Lehrer zu werden?

Schönke: Er kann sich das durchaus vorstellen. Und ja, ich würde das jedem empfehlen. Ich betreue bis zu 280 Schüler von der fünften bis zur 13. Klasse. Diese Entwicklung bis zum Abitur mitzuerleben, ist extrem spannend.

Bromm: Das stimmt, man hat zudem sehr viel flexible Zeit – damals wie heute. Man muss aber davon ausgehen, dass man als Lehrer am Ende immer mehr arbeitet, als eigentlich von den Behörden vorgesehen. Mir war das immer egal. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut.

Hat Sie Ihre Motivation bis zur Pensionierung nie verlassen?

Bromm: Was die Schüler und Kollegen betrifft, nein. Was das System betrifft, war das anders: Ich konnte irgendwann nicht mehr akzeptieren, wie wenig die Schulverwaltungen, zuletzt auch in Lüneburg, die pädagogischen Überlegungen der Schulen berücksichtigt haben. Das war frustrierend.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bromm: Es wurde oft versucht, alle Lüneburger Schulen über einen Kamm zu scheren. An der Grundschule Hasenburger Berg wurde sehr gute pädagogische Arbeit bei der Schulnachbetreuung geleistet, aber unterstützt wurde das Konzept nicht. Und dann dieses Gießkannenprinzip: Überall wurde ein bisschen was gemacht, aber nichts fertiggestellt.

Das niedersächsische Schulsystem hat in den letzten Jahren etliche Reformen erlebt. Ist das mehr geworden?

Bromm: Ja, definitiv. Als ich Anfing, hieß es noch, das Schulgesetz sei wie eine dreispurige Autobahn, und jeder könne sich einen Weg suchen. Es sei nur fraglich, weshalb alle auf der rechten Spur fahren. Das hat mich sehr ermutigt. Da haben wir sehr viel ausprobiert, was wir für richtig hielten und auch den Eltern vermitteln konnten. Aber die Straße wurde immer enger. Weniger Individualität, dafür mehr Dokumentationsarbeit.

Schönke: Das stimmt. Als ich anfing, sagte man: Alle fünf Jahre werden große Veränderungen angeschoben. Ich habe das öfter erlebt, allein das Hin und Her um das Abitur nach der 12. beziehungsweise 13. Klasse. Viele Kollegen empfinden das als Stress.

Bromm: Die pädagogischen Begründungen zur Abitur-Debatte waren aus meiner Sicht alle nicht stichhaltig. Ich glaube, dass man versucht hat, die Gymnasialzeit zu verkürzen, um im schulischen Bereich Geld zu sparen. Die Schüler haben davon jedenfalls nichts gehabt.

Herr Schönke, Sie sind auch Beratungslehrer. Mit welchen Sorgen vertrauen sich Ihnen die Schüler an?

Schönke: Die Themen sind ganz unterschiedlich. Ein immer wiederkehrendes Problem ist aber der Notendruck. Viele Schüler kommen mit einer enorm hohen Erwartungshaltung von der Grundschule und merken dann: Es geht nicht so weiter.

Herr Bromm, kommt Ihnen das bekannt vor?

Bromm: An den weiterführenden Schulen, an denen ich in den 80ern unterrichtet habe, hatte ich nicht den Eindruck, dass es so viel Stress gab. Es mag aber sein, dass der Leistungsdruck nicht ganz so massiv war, wie an den Gymnasien.

Schönke: Es sind vielleicht nicht so sehr die Probleme, die sich verändert haben, sondern die Häufigkeit, mit der sie auftreten – und die Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt. Den Beratungslehrer zum Beispiel gibt es ja noch gar nicht so lange. Fehlt der Ansprechpartner, kommen die Themen mitunter gar nicht ans Licht. Das hat man inzwischen erkannt: Wir haben auch Schulseelsorger und einen Schulsozialarbeiter an der Schule – und die haben viel zu tun.

Bromm: Ich sehe auch bei meinen Enkelkindern, was da online passiert. Wenn sie nachmittags nach der Schule zu uns kommen, sind sie oft noch nicht fertig mit den ganzen Chatnachrichten, die während der Schulzeit aufgelaufen sind. Das muss zusätzlicher Stress sein.

Was denken Sie: Ist der Weg bis zum Ziel, einen Schulabschluss zu erlangen, einfacher oder schwieriger geworden?

Schönke: Manche Kollegen sagen, das Abitur sei früher anspruchsvoller gewesen. Ich glaube aber nicht, dass das immer stimmt.

Bromm: Ich glaube auch nicht, dass der Weg leichter geworden ist. Aber ich habe den Eindruck, dass viele Ziele, die man haben kann, weniger wertgeschätzt werden. Der Haupt- oder Realschulabschluss mit einer Ausbildung zum Beispiel. Das liegt nicht nur an den Eltern, sondern am System. Diese Qualifizierungen werden ja auch in der Lohnskala nicht mehr wertgeschätzt.

Von Anna Petersen