Montag , 26. Oktober 2020
Der Sportplatz an der Rosiener Straße ist die eigentliche Heimat von Hermann Sack. Foto: saf

Mutmacher: Der Platzherr

Neuhaus/Elbe. Zu tun ist immer etwas im Verein. „Wir müssten wirklich mal den Zaun erneuern lassen“, stellt Hermann Sack, Fußball-Obmann des TV Neuhaus, bei einem kleinen Spaziergang über den Fußballplatz fest. Der alte, mit Pfählen aus Waschbeton, versprüht noch den Charme der längst untergegangenen DDR. „Das ist fast ein Kilometer.“ Das kauft man nicht eben im Baumarkt. Da wird sich Sack demnächst wohl mal wieder mit der Gemeinde unterhalten müssen.

Der Sportplatz an der Rosie­ner Straße ist seine Heimat. Fast noch mehr als das Haus in der Ortsmitte aus Familienbesitz, eines der ältesten im Amt. Mit sechs Jahren fing der Neuhauser an, Fußball zu spielen. In der A-Jugend riss er sich das Kreuzband, das verheilte nie richtig. „Bald wurde ich die rechte Hand meines Vaters, seit Mitte der Neunziger bin ich Abteilungsleiter.“

Schon der Vater hat den Verein geprägt

An seinem 2011 verstorbenen Vater, Hermann Sack senior, kommt man nicht vorbei, wenn es um die Geschichte des TV Neuhaus geht. „Der hat hier alles aufgebaut“, meint der mittlerweile auch schon 59 Jahre alte Junior mit einer ausladenden Geste Richtung Sportplatz. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand hier Kriegsgerät herum, ein Abdecker ging seinen Geschäften nach. Sack senior und seine Helfer bauten den TV 1860 wieder auf, der in der DDR den Namen Traktor Neuhaus erhielt. Der Senior hatte West-Kontakte, besorgte so immer mal wieder Bälle und andere Ausrüstung – und verlor deshalb alle Ämter im Kreis Hagenow.

Wie für den Vater stand auch für den Sohn fest: „Wir waren immer Niedersachsen.“ Nachdem das Amt in den Kreis Lüneburg zurückgekehrt war, maßen sich die Neuhauser seit 1993 wieder mit den Vereinen links der Elbe. Eine Stunde oder länger dauert manchmal schon die Anfahrt inklusive Fährfahrt über die Elbe. Sack: „Aber wir sind immer an der Peripherie. Im Kreis Ludwigslust wären die Reisen noch länger.“

Neuhaus kämpft mit Überalterung und Fortzug

So idyllisch Neuhaus wirkt, so sehr kämpft der Ort doch mit der Überalterung und dem Fortzug. Das geht auch am TV 1860 nicht spurlos vorbei. Zählte er zu Zeiten der Rückgliederung noch gut 500 Mitglieder, so hat sich die Zahl mittlerweile halbiert. Die Abteilungen Handball und Basketball haben sich aufgelöst. Die Fußballer dagegen halten sich hartnäckig zwischen Kreisliga und 1. Kreisklasse.

„Ein paar gute Leute spielen jetzt in Neetze oder Barskamp. Das tut schon weh. Wer hier einmal gespielt hat, der kommt aber vielleicht irgendwann wieder“, hofft der Obmann, in dessen Abteilung viele Kicker von der Bambini-Zeit bis zu den Alten Herren niemals an einen Vereinswechsel auch nur denken. „Unser Verein ist geprägt durch die Gemeinschaft“, sagt Sack. Wenn dann zum ersten Spieltag die Lüneburger SV mit zahlreichen Kickern aus höheren Klassen anreist, die ein Sponsor mit einer erklecklichen Summe angelockt hat, dann ist er besonders stolz auf das Ergebnis, ein gerechtes 1:1. „Solche eingekauften Leute wollen wir gar nicht. Damit würden ja die Alteingesessenen ihren Platz in der Mannschaft verlieren“, stellt Sack fest.

Er hat sich übrigens aus dem operativen Geschäft der Fußballer rausgezogen, kümmert sich mehr und mehr um den Erhalt und die Modernisierung des Platzes. Zur Einweihung des neuen Clubheims vor 19 Jahren schaute auch der damalige Innenminister Heiner Bartling vorbei. Im Raum finden sich zahlreiche Pokale und Urkunden, außerdem ein Bild vom Kreismeister 1983, damals noch im Kreis Hagenow.

Neuhauser sind es gewohnt, über die Grenzen zu gucken

Hermann Sack selbst hat sich nach der Wende auch neu aufgestellt, sah keine Zukunft mehr in der Landwirtschaft, sondern begann eine Ausbildung bei der Sparkasse Lüneburg. 25 Jahre arbeitete er in der Dahlenburger Filiale, kurz noch in Neuhaus und wieder in Lüneburg. Seit 1. Juli befindet er sich in Vorruhestand – und hat noch etwas mehr Zeit für den Verein.

„Alles kann man nicht allein machen“, weiß er, „ich habe gute Leute, die mich unterstützen.“ Zum Beispiel in der Nachwuchsarbeit. Neben einer eigenen E-Jugend gibt es eine C-Jugend, die mit den Mecklenburgern von Motor Boizenburg spielt, ein paar Ältere kicken beim SV Elbufer im Landkreis Lüchow-Dannenberg mit. Als Neuhauser ist man es gewohnt, über die Grenzen zu gucken.

Hermann Sack ist mit seinem schmucken Trekkingrad in wenigen Minuten auf dem Platz, hält dort einen Schnack mit dem Platzwart oder zeigt mal, wie die alten grünen Holzkabinen aus DDR-Zeiten von innen aussehen. Nicht besonders einladend… „Die nutzen wir aber auch nur noch als Abstellraum“, erklärt er.

Zu tun ist immer etwas. Sack ist Kassenwart im Gesamtverein, damit Stammgast bei Vorstandssitzungen. Und er lässt es sich nicht nehmen, auch im Zeitalter der Online-Spielberichte nach jedem Heimspiel der 1. Herren der Landeszeitung die Torfolge sowie ein, zwei Anmerkungen zum Spiel telefonisch durchzugeben. Dass mal ein Torschütze aus Neuhaus nicht übermittelt wurde, hat es seit 1993 nie gegeben.

„Ich kümmere mich halt darum, dass alles funktioniert“, beschreibt er seinen Job. Der kostet viel Zeit und bedeutet Verantwortung. „Aber wem das keinen Spaß macht“, sagt er, „der braucht das gar nicht erst anzufassen.“

Von Andreas Safft