Samstag , 31. Oktober 2020
Konfrontation mit sich selbst: Hinter der Glaswand lauert die schwarze Seele. Foto: tonwert21.de

Theater: „Jekyll & Hyde“ in Corona-Zeiten

Lüneburg. Ein Gebot der Saison lautet: Aus drei mach eins. Regisseure, Dirigenten und Dramaturgen schrumpfen Theaterstücke, die gern drei Stunden dauern, auf eine. Das ist im Theater Lüneburg aktuell bei Johanna, Carlos und Emilia zu erleben und nun auch bei Henry Jekyll, der mit seinem inneren Edward Hyde konfrontiert wird. Das ist nicht die einzige Veränderung, die Frank Wildhorns Musical „Jekyll & Hyde – ein Albtraum“ im T.3 erlebt. Friedrich von Mansberg als Regisseur, Daniel Stickan als musikalischer Leiter und das Team der Jungen Bühne zeigen nun so etwas wie ein „Coronical“.

Der Albtraum führt ins Internat

Friedrich von Mansberg hat aus Stevensons Schauerroman aus dem Jahr 1886 und Wildhorns 30 Jahre altem Musical eine „Corona-Fassung“ geschrieben. Das Musical im Original war 2008 in Lüneburg zu erleben, in einer spektakulären Inszenierung von Philipp Kochheim, stark besetzt unter anderem mit Kaspar Holmboe und Caroline Kieswetter. Nun geht es ins Internat.

Mansberg schafft es, alle Corona-Vorgaben zu beachten und dennoch ein 20-köpfiges Team zu beschäftigen. Die junge Truppe ist zweigeteilt, spielt im Wechsel. Nur Sascha Littig als Gast aus dem Profilager spielt den unterm Strich hilflosen Lehrer durchgängig. Die bei früheren Produktionen größere Band ist ein Trio: Mit Tasten (Daniel Stickan), Bass (Sebastian Brand) und Drums (Johannes Kalt) lässt sich die Musik gut abbilden.

Zurück ins Internat in eine durch Corona verunsicherte Gegenwart: Henry (Gunt Chuluun / Lasse Kuk) hat das Wundermittel gegen Corona gefunden. Glaubt er. Sein Lehrer, seine Mitschüler erklären ihm entweder zum Spinner oder verzweifeln am eifernden Jungforscher. Na klar, Henry spritzt sich sein Mittel, das in theaterüblichem Giftgrün seinen schlechten Charakter mitteilt. Das Mittel birgt also Risiken und Nebenwirkungen, Henry geht auf einen schlimmen Trip, entdeckt den dämonischen Hyde in sich – das Unheil nimmt seinen Lauf.

Mansberg packt trotz aller gebotenen Kürze viel hinein in die Geschichte. Auf Video-Bildern flimmern Bilder von Gewalt, Klimakatastrophe, Demos gegen Rassismus, gegen Corona-Maßnahmen, und auch Schüler des Internats recken mal Plakate hoch: „Sklaven tragen Maske“. Das mag ein bisschen dicke sein, aber es führt doch vor, wie viel Angst das Geschehen der Zeit einflößen mag – und wie sehr Angst irrationale Handlungen auslösen kann.

In den Türmen lauert die dunkle Seele

Die scheinbar helle Welt des Jekyll wird schon optisch dunkel kontrastiert. Links und rechts des Studierzimmers hat Ausstatterin Barbara Bloch zwei gläserne Türme gestellt. In ihnen lauert – natürlich ganz in Schwarz gekleidet – das Dunkle, in Gestalt des verführerischen Hyde (gespielt von Anton Frederik von Mansberg / Arndt Möller) und der Ledermini-berockten Lucy (Nike Just oder Jona Hoek).

Es ist eine Menge los in kurzer Zeit. Wie in früheren Produktionen führt von Mansberg eine hochgradig motivierte Truppe zu einer ansteckenden Spielfreude, findet für jede/n eine Aufgabe. Viele aus dem Team sind seit Jahren dabei, Neue werden problemlos integriert. Szenisch und gesanglich (Vocalcoach: Anna Schwemmer) läuft die Produktion rund.

Mit dabei sind bei den bis 18. Dezember laufenden Vorstellungen noch Viktoria Fleck/Fenja Gerken als Gabriella „John“ Utterson, Emma Fee Schicke/Miriam Wantikow als Lisa, Pia Naegeli/Belana Pittin als Nellie, Leo Ehmke/Janosh Kratz als Simon sowie Morgane Meuthin/Sarah Zürneck als Laurie.

Die Junge Bühne bleibt ein Erfolgsmodell. Entsprechend stark ist der Beifall, entsprechend gut läuft jetzt der Vorverkauf.

Von Hans-Martin Koch