Freitag , 30. Oktober 2020
Das erste Mal seit Jahren saß Pfarrerin Henrike Koch wieder am Steuer eines Treckers. Foto: t&w

Reinstorf: Erntedankfest mit Trecker und Talar

Reinstorf. Für gläubige Christen gehörten die ausfallenden Gottesdienste zu den einschneidendsten Einschränkungen, die mit der Corona-Pandemie einhergingen. Auch die Gemeindemitglieder in Reinstorf sind froh, dass das kirchliche Leben langsam wieder seinen gewohnten Gang geht. „Ich gehe immer in die Kirche, seit 1949. Ohne Gottesdienst fehlte etwas“, sagt die 83-jährige Reinstorferin Helene Fröling. „Weil ich es gewohnt bin und weil ich gläubig bin.“

Doch eine Erntedankandacht wie diese hat auch die überzeugte Kirchgängerin noch nicht erlebt: Am Sonntagnachmittag fuhr Pfarrerin Henrike Koch mit dem Trecker vor der Kirche vor, den Anhänger voller Landfrauen. Gepredigt wurde auf dem Vorplatz der Kirche, die Besucher machten es sich auf Klappstühlen oder auf Decken auf der Wiese gemütlich. Jung und Alt saßen beieinander, im Anschluss gab es Getränke und Würstchen, die mobile Andacht der Reinstorfer war ganz klar ein Happening.

Und so entstand die Idee einer mobilen Andacht

Zwar dürfen Gottesdienste wieder in der Kirche abgehalten werden, jedoch mit beschränkter Personenanzahl und ohne Gesang. „Beim Erntedankfest Menschen wegschicken müssen, die Vorstellung fand ich unerträglich“, erzählt Pfarrerin Henrike Koch. Also steckten sie und die Reinstorfer Landfrauen Susanne Hille und Sonja Suhrcke ihre Köpfe zusammen und es entstand die Idee einer mobilen Andacht. Motto: Trecker und Talar. Koch, die auf einem Bauernhof bei Walsrode aufgewachsen ist, beschloss, sich mal wieder am Steuer eines Traktors zu versuchen, die Landfrauen schmückten statt der Kirche den Planwagen und backten Kekse.

Am Sonntag fuhren die Frauen nun gemeinsam durch die Gemeinde, machten Station an den Kirchen in Barendorf, Vastorf, Wendhausen und Reinstorf, wo jeweils eine 20-minütige Andacht stattfand. Rund 50 Menschen hatten sich zu jeder der vier Andachten eingefunden, teilweise wurde der ungewöhnliche Tross schon auf den Straßen empfangen und bejubelt.

„Das war ein tolles Gefühl, einmal durch die Dörfer zu fahren und auf diese Weise allen Menschen Danke zu sagen, toll, dass ihr da seid. Damit wollte ich auch ein Zeichen setzen. So ein Gemeinschaftsprojekt funktioniert nur mit der Hilfe ganz vieler Menschen, genauso wie unser Gemeindeleben.“

Ein Landwirt war als Fahrassistent dabei

Bei dem Klappstuhl-Gottesdienst wurde Henrike Koch unter anderem von den Landfrauen, Landwirten, Kirchenvorstands- und Gemeindemitgliedern unterstützt. Immer dabei als Fahrassistent war Landwirt Christoph Brohm, falls es Probleme mit dem Trecker geben sollte. Koch: „Ich bin früher oft gefahren, auch noch in den Semesterferien, aber das letzte Mal ist schon ein paar Jahre her. Ich musste mich wieder ein bisschen reinfuchsen, aber dann klappte es ganz gut.“

Der Aufwand, der für die mobile Andacht betrieben wurde, hat sich gelohnt, ist Koch sich sicher. „Wir haben mehr Leute erreicht als mit einem normalen Gottesdienst. Natürlich ist Corona eine Bürde. Aber es macht Spaß, etwas Neues auszuprobieren und wir müssen positiv sein und das Beste aus der Situation machen, nicht in Sorgen, Fragen und Klagen verharren. Ich hoffe, dass wir das mit solchen Aktionen deutlich machen können.“

Auch Landfrau Susanne Hille ist zufrieden. „Es war klar, dass es anders werden würde, wir wollten singen und alle Dörfer mitnehmen“, erklärt sie. „Ich glaube, dass uns das gelungen ist.“ Sichtlich gerührt blickt sie zu Henrike Koch. „Wir haben viel Glück mit unserer Pfarrerin, diese Frau ist ein großes Glück für uns.“ Und wer die junge zierliche Frau vor ihrem mobilen Altar stehen sieht, sie ‚Seid ihr gut drauf?‘ rufen und „Danke für diese guten Gaben“ anstimmen hört, der weiß, was sie meint.

Von Lea Schulze