Freitag , 30. Oktober 2020
Ulla Hellwege führt das Traditonshaus Böttger seit 33 Jahren. Mit 14 half sie bereits ihrem Vater im Laden. Foto: Michael Behns

Mutmacher: Wenn die Kunden die Belohnung sind

Lüneburg. Kennt man eine, kennt man alle: Deutschlands Innenstädte glänzen vor allem mit Uniformität. Von H&M bis Douglas, von Bijou Brigitte bis zur Back-Shop-Kette. In Lüneburg stehen alte, inhabergeführte Geschäfte zwar auch auf der roten Liste. Aber hier gibt es noch welche. Böttger ist so ein rares Beispiel. Und zwar schon lange. Genau genommen seit 146 Jahren.

Das Traditionshaus steht mitten in Lüneburgs erster Adresse, der Bäckerstraße. Und atmet Tradition. „Das Geschäft mitsamt dem Haus war immer in Familienbesitz“, sagt Ulla Hellwege. Sie führt das Geschäft in vierter Generation. Gegründet hat es Johannes Böttger am 1. April 1874. „Er war Kaufmann und Kamm-Macher, seine Arbeiten waren preisgekrönt.“ Er bot neben seinen selbstgefertigten Stücken auch Waren vieler anderer Lieferanten an: Geschenkartikel und Lederwaren waren in seinem Geschäft ebenso zu finden wie Schmuck, Fächer und Parfüms. „Das nannte man Galanterieware“, erklärt die Urenkelin.

Alle Preisschilder sind handgeschrieben

Sie hat schon früh angefangen, im Geschäft ihres Vaters auszuhelfen: „14 Jahre alt war ich damals.“ Sie lernte bei ihm, einen Blick für das zu entwickeln, was Kunden anlocken könnte. 14 Jahre später starb ihr Vater, sie übernahm das Geschäft. Das ist jetzt 33 Jahre her. 33 Jahre, in denen sie fast täglich im Laden steht, Kunden berät, für Waren-Nachschub sorgt, Messen besucht. Sie beschäftigt in all den Jahren fast immer Mitarbeiter. Schließlich braucht sie Zeit, um sich auch noch um ihre vier Kinder zu kümmern. Aktuell hat sie eine Mitarbeiterin. „Sie ist schon seit zehn Jahren hier“, sagt die Frau, die Galanterieware längst aus dem Angebot gestrichen hat und auf Wohn-Accessoires setzt.

Auf rund 80 Quadratmetern Verkaufsfläche steht ein kleiner Tisch mit der Kasse. Ansonsten sind überall gut gefüllte Regale zu sehen. Ein Leuchter für 12,95 Euro, eine Skulptur für 79,95. Die eine Vase für 16,95, die andere, größere für 46,95. Ein Fahrrad aus Metalldraht steht im Schaufenster. 6,95 Euro kostet es. Der kleine Frosch daneben 4,95, die große Skulptur ein Meter und viele Gegenstände weiter 108,95 Euro. Überhaupt die Preise und die Schaufenster: Alle Artikel sind mit kleinen Preisaufklebern oder Anhängern versehen. Einen Drucker oder einen Tacker? Sucht man vergebens. Alle Preise sind fein säuberlich handgeschrieben. „Als es im Frühsommer so lange so warm und sonnig war, sind die Preisschilder verblichen, ich musste sie alle neu schreiben.“

Das Geschäft aufzugeben, kommt nicht infrage

Ihr Laden ist liebevoll eingerichtet. Sie liebt ihr Geschäft – auch „wenn man sich damit keine goldene Nase verdienen kann“. Hat sie schon einmal ans Aufhören gedacht? Schließlich gehört ihr das große Haus. Und sie könnte mit den Mieteinnahmen in der so teuren Bäckerstraße locker auskommen. Sehr locker. So wie es viele ehemalige Lüneburger Geschäftsleute auch getan haben. Aufhören? Das kam und kommt für sie eigentlich nicht infrage.

Sie vermisst allerdings den Zusammenhalt der Geschäftsleute, den es einst gab. Als sich noch ein inhabergeführter Laden an den anderen reihte. Marcel Sieben, Bellmann, Wegener, Café Rauno. Alle sind weg. Wollten oder mussten aufgeben. Sie trauert den alten Zeiten ein wenig nach. Denn Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe waren damals normal. „Ich weiß noch, als es in einem Winter stark geschneit hatte, da musste ich morgens früh raus, um Schnee wegzuräumen. Doch irgendjemand hatte das bereits für mich getan. Viel später erfuhr ich, dass es Herr Wellsow war, der damalige Inhaber der Alten Raths-Apotheke, drei Häuser weiter. Er hat nichts gesagt, kein Aufhebens darum gemacht, es war für ihn selbstverständlich, mir zu helfen.“

Natürlich profitiert Ulla Hellwege auch davon, dass sie in ihrem Haus wohnt. Dass sie den Laden im Erdgeschoss rechts vermietet. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. „Das Haus steht unter Denkmalschutz. Jede kleine Reparatur ist deutlich teurer als an und in anderen Häusern.“ Und so macht sie eine andere Rechnung auf: Manchmal trägt das Haus ihr Geschäft, manchmal aber muss das Geschäft auch das Haus tragen.

Die Kunden lassen sie durchhalten

Trotzdem und noch einmal: Warum tut sie sich das an? Tag für Tag im Laden stehen, wenn sie auch alles locker vermieten könnte? Die Antwort ist eine Mischung aus Durchhalten, aus Disziplin, Mut machen und Liebeserklärung. „Ich habe es nie bereut“, sagt Ulla Hellwege. Was sie durchhalten ließ und lässt, sind ihre Kunden. Lüneburger. Oder Touristen. „Einige kommen immer wieder in meinen Laden, wenn sie Lüneburg besuchen. Sie sind begeistert und sagen: ,Es ist schön, dass es so etwas noch gibt‘.“

Die andere Frage beantwortet sie zunächst nicht. Wie lange noch? Ihre Kinder haben alle „tolle Berufe“ und kein Interesse daran, das Geschäft zu übernehmen. Ulla Hellwege lächelt. Und sagt dann leise: „Na, solange es noch geht.“

Von Werner Kolbe