Sonntag , 25. Oktober 2020
Guck mal, ein Häschen! Foto: Anna-Katharina Kohls

Kunstwerke auf Stromkästen: Wer steckt dahinter?

Lüneburg. In Lüneburg verschwinden graue Stromkästen, stattdessen tauchen Kunstwerke auf. Man findet sie an vielen Stellen, schaut man nur genau hin. Einige der Graffiti verschmelzen mit der Umgebung, andere fallen deutlich auf. So sitzt ein kleiner Hase in einem Pappkarton, Strandkörbe stehen am Straßenrand, ein Aufblasflamingo schwimmt auf einer Wiese. Die Stadt wird immer bunter – doch wer steckt eigentlich dahinter?

Für das Stromkasten-Projekt hat die Stadt Lüneburg eine Kooperation mit der Firma Dosenfutter geschlossen, gegründet vom Künstler Jonathan Sachau. Nach einer ersten Zusammenarbeit mit Sachau – am Fahrradspeicher – vertraute die Stadt ihm und seiner Firma weitere Stromkästen an. Vorrang haben Orte in der Innenstadt, an denen viele Menschen entlangkommen. In Sachaus Händen liegt die Gestaltung, nur eine Vorgabe gibt es: Die Motive müssen zur Stadt passen. Als Graffitikünstler darf er dann legal sprayen. Für ihn ein Traumberuf.

Der Künstler studierte auf Lehramt 

Das war nicht immer so. Sachau studierte an der Leuphana-Universität Kunst auf Lehramt, schloss den Master für die Grundschule ab. Weil ihm die Arbeit im Lehrberuf aber nicht gefiel, änderte er während des Referendariats seinen Plan: Er wurde von Beruf Graffitikünstler und machte sich selbständig mit seiner Firma „Dosenfutter“. Inzwischen arbeitet er mit einem Team aus Künstlern zusammen. In ganz Norddeutschland bekommen sie Aufträge: Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Bremen, Braunschweig und natürlich in Lüneburg. Neben Kommunen bestellen auch Privatleute oder Unternehmen wie der Stromanbieter Avacon bei ihm Kunstwerke, für den er Trafohäuschen gestaltete.

Sachau hat schon Garagentore besprüht, Haus- und Kinderzimmerwände. Viele wollen sich mit Strand, Meer und Dünen ein Urlaubsgefühl nach Hause holen; oft gewünscht sind auch Fahrzeuge wie Feuerwehrautos, Sportwagen und Motorräder. Außergewöhnlicher gestaltet sich ein Auftrag, bei dem ein Gang zwischen Garage und Haus den Eindruck eines New Yorker U-Bahnsteiges erwecken soll.

Nur selten werden Kunstwerke von Fremden zerstört

In Lüneburg ruft vermutlich der kleine Hase gegenüber der Ritterakademie die meisten Fragen hervor. Ein Ohr gespitzt, schaut er aus seinem Pappkarton Passanten mit dunklen Augen an. Wohin sollte das Paket verschickt werden? War er ein Geschenk? Was ist wohl in den anderen Paketen drin? Tatsächlich sei dieser Hase spontan in das Paket gekommen, erklärt Sachau. Die Pakete seien aus den viereckigen Formen der Stromkästen entstanden, und er habe nach einer kleinen Überraschung für das größte gesucht.

Die Kosten pro Graffiti variieren für die Stadt je nach Größe und Aufwand des zu gestaltenden Untergrundes. Die Gefahr, dass Fremde Werke zerstören, besteht zwar, jedoch kommt dies nur selten vor. In der Graffitiszene gebe es den Kodex, keine anderen Graffiti zu übersprühen, besonders keine so aufwändig gestalteten, erklärt Sachau. Die Stromkästen sehen also nicht nur gut aus, sie schützen gleichzeitig auch vor illegalen Graffiti.

Von Anna-Katharina Kohls