Sonntag , 25. Oktober 2020
Dr. Tim Kunze mit einem Gemälde Immanuel Kants im Ostpreußenmuseum. Foto: t&w

Ostpreußisches Landesmuseum: Dauerausstellung über Kant

Lüneburg. Den Mittelpunkt des Tempelgartens der Philosophie in Tokyo bildet ein Schrein. Zu sehen sind auf einer Bildrolle die vier Weisen Buddha, Konfuzius, Sokrates – und Immanuel Kant. Eine größere Ehre lässt sich für den Königsberger Stubenhocker, der seine Heimatstadt Zeit seines Lebens (1724-1804) nur in ganz seltenen, kurzen Ausnahmefällen verließ, kaum denken. Im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg wird ihm künftig eine 700 Quadratmeter große Dauerausstellung in einer eigenen Abteilung gewidmet. Um sie einzurichten, wurde ein neuer Mitarbeiter eingestellt: Dr. Tim Kunze.

Anfragen von Forschern aus aller Welt

Schon jetzt bekommt das Ostpreußische Landesmuseum aus aller Welt – auch aus Japan – Anfragen von Kant-Forschern. Die neue Abteilung trägt den Arbeitstitel „Immanuel Kant und der Geist der Aufklärung“. Tim Kunze, 1986 in Eutin geboren, studierte in Freiburg – Nebenfach: Altgriechisch – und promovierte über den Unterschied von Geistes- und Naturwissenschaften, Schwerpunkt Antike. Nun also Kant.

„Wir haben sehr viele Bewerber für die Stelle gehabt“, resümiert Museumsdirektor Dr. Joachim Mähnert. Die Wahl fiel auf den Eutiner, weil er sich erstens natürlich mit Philosophie auskennt, zweitens aber auch mit praktischer pädagogischer Museumsarbeit, entsprechende Erfahrungen sammelte er im Europäischen Hansemuseum Lübeck.

Wie soll Immanel Kant in Lüneburg präsentiert werden, was erwartet die Besucher? Jetzt gilt es erst einmal, Material zu sammeln und zu sichten. Das Museum Stadt Königsberg in Duisburg wurde aufgelöst, seine Sammlungsstücke gehen als Dauerleihgabe nach Lüneburg. Weitere Adressen sind die Kant-Gesellschaften, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, die Inhaber von Lehrstühlen.

Einige Exponate von Kant bereits vor Ort

Ein Abschnitt, so viel steht schon jetzt fest, wird in Lüneburg dem bürgerlichen Alltag des Philosophen gewidmet; für entsprechende Exponate muss Tim Kunze das Haus nicht verlassen: Eine Wanduhr, Porträts, Geschirr – und sogar ein Büschel Haare – von Kant werden hier bereits aufbewahrt. In seiner ersten Lebensphase zeigte sich der Königsberger durchaus dem gesellschaftlichen Leben zugewandt. Er galt als witzig, schlagfertig, liebte elegante Kleidung und war ein erfolgreicher Billardspieler. In der zweiten Phase rückte der Akademiker und Weltendenker in den Vordergrund, der ein eigenständiges Philosophie-Gebäude errichtete, das bis heute auf solidem Fundament steht.

Die Aufklärung steht denn auch im Zentrum der künftigen Kant-Ausstellung. Viele Elemente einer modernen Demokratie wie die Anerkennung der Würde des Menschen als unantastbares Gut – und nicht zuletzt: die Pressefreiheit – haben hier ihren Ursprung. Aber wie lässt sich so etwas darstellen, ohne in einen ermüdenden oberlehrerhaften Schulton zu verfallen? Von Kants berühmtem „Kategorischen Imperativ“ als das grundlegende Prinzip ethischen Handelns haben wohl viele Menschen zumindest schon einmal gehört; Zitat: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Aufklärung und der 11. September

Aber was bedeutet das in der Praxis? Das ließe sich an aktuellen Ereignissen diskutieren – am Umgang mit Flüchtlingen beispielsweise, oder an einem Datum festmachen: 11. September. Hätte man die Flugzeuge, die Kurs auf die Twin Tower in New York nahmen, abschießen dürfen? Hätte man das Leben von ein paar Hundert Passagieren opfern dürfen, um Tausende Bewohner der Wolkenkratzer zu retten? Kant hätte gesagt: „Nein“. Das Leben eines Menschen dürfe niemals instrumentalisiert werden.

Da hat Dr. Tim Kunze noch einige Arbeit vor sich. Fest steht: Die Kant-Dauerausstellung soll möglichst am 22. April 2024 eröffnet werden, dem 300. Geburtstag von Kant. Der Königsberger war übrigens im Kreis der vier Weisen der mit Abstand Jüngste – Buddha (alias Siddhartha Gautama), Sokrates und Konfuzius sind seit mehr als zweitausend Jahren tot.

Von Frank Füllgrabe