Sonntag , 25. Oktober 2020
Rike Henties (l.) und Wiebke Erdtmann blättern durch ein Kinderbuch auf Platt. Foto: Luise Asmussen

Hat Plattdeutsch eine Zukunft?

Lüneburg. „Kloog as een Imm!“ Das ist (nordfriesisches) Plattdeutsch und heißt übersetzt „klug wie eine Biene“. Mein Vater hat das oft gesagt, wenn ich als Kind etwas gut gemacht habe. Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Meine Mutter kommt aus Süddeutschland und redet mit meiner Schwester und mir Hochdeutsch, während mein Vater mit uns von klein auf Plattdeutsch spricht. Für uns war das immer selbstverständlich. In der Schule aber war niemand mit dem Plattschnacken vertraut. Nur ein Lehrer – und der ging bald in Pension. So merkte ich im Laufe der Jahre: Ich spreche eine Sprache, die ausstirbt.

Nur jeder Dritte im Norden spricht noch Platt

Als ich einer Freundin erzählte, dass ich über Plattdeutsch schreiben will, fragte sie mich: „Wieso, hat Platt denn überhaupt eine Zukunft?“ Es sei schade, aber „auch nicht so schlimm“, dass es mehr und mehr aus der Gesellschaft verschwinde. Situationen wie diese lösen Fragen in mir aus: Sind da noch andere Menschen, die mit Plattdeutsch mehr verbinden als Shantie-Chöre und das Altmodische? Und welche Gründe gibt es überhaupt, die für den Erhalt dieser Regionalsprache sprechen?

Die aktuellste Umfrage zum Thema Plattdeutsch stammt aus dem Jahr 2016 vom Institut für niederdeutsche Sprache in Bremen (INS). Laut ihr haben 32 Prozent der befragten Norddeutschen angegeben, höhere Plattdeutschkenntnisse zu haben. 68 Prozent konnten dagegen höchstens ein paar Wörter Plattdeutsch sprechen. 77 Prozent können Platt noch sehr gut verstehen. Im Vergleich zum sprachlichen Stand der 80er Jahre ist das ein starker Rückgang. Und es liegt zumindest nahe, dass Plattdeutsch in Städten schneller verschwindet als auf dem Dorf.

Im Restaurant To Huus in Lüneburg bin ich mit Günther Wagener verabredet. Wagener ist seit dem Jahr 2011 der Plattdeutschbeauftragte für die Stadt Lüneburg und Umgebung und Mitbegründer sowie Vorstandsmitglied des Vereins Lüneplatt. Wir setzen uns in den Biergarten und beginnen uns zu unterhalten, auf Platt natürlich. Der pensionierte Lehrer, in Mulmshorn bei Rothenburg aufgewachsen, ist mit Plattdeutsch groß geworden. Mit dem Vorstandssitz bei Lüneplatt möchte er eigentlich nächstes Jahr aufhören, aber „mal kieken, ob ik so davun kum!“ – „Mal gucken, ob ich so davonkomme!“

„Es ist einfach vertrauter. Man fühlt sich mehr zuhause.“

Auch wenn es immer weniger Muttersprachler gibt, das Interesse an der Sprache hält Wagener nach wie vor für hoch. 20 Jahre lang gab er Plattkurse an der Lüneburger Volkshochschule. Manchmal musste er die Gruppen teilen, so groß war der Andrang. Am Anfang jeder Runde fragte er: „Warum sind je hier?“ Die Antworten: Manche hätten es für ihren Beruf gelernt. Denn im Handwerk oder der Pflege lasse sich das Eis mit Patienten, Angehörigen oder Kunden auf Platt leichter brechen. Andere Teilnehmende hatten Platt all die Jahre immer nur gehört und wollten es aus Interesse nun selbst lernen. „Oft kommen solche Impulse durch die „berühmte ,eine Oma‘, die noch Platt kann“, sagt Wagener lachend.

Plattdeutsch (oder Niederdeutsch) war lange die Alltagssprache im Norden Deutschlands, bis es ab den 50ern mehr und mehr durch Hochdeutsch ersetzt wurde. Erst in den 90er Jahren begann man umzudenken und erkannte den kulturellen Wert der Regionalsprache an.

Deutschland hat die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen unterschrieben und damit Niederdeutsch als Regionalsprache anerkannt. Das Abkommen trat 1999 in Kraft und verpflichtet Deutschland dazu, Niederdeutsch neben den Minderheitensprachen Dänisch, Friesisch, Sorbisch und Romanes (die Sprache der Sinti und Roma) zu fördern und zu schützen.

Wertvolles Kulturgut würde verschwinden

Wagener findet es wichtig, auch jüngeren Generationen einen Zugang zum Niederdeutschen zu bieten. Seit 2012 organisiert er beispielsweise alle zwei Jahre die „Plattdüütsch Weken“ (Plattdeutsche Wochen) in der Hansestadt und im Landkreis Lüneburg. Sie bieten Darbietungen der „lütten Sülfmeister“, eines Projekts für Kinder und Jugendliche und einer der sechs plattdeutschen Theatergruppen im Kreis. „Plattdeutsch lebt – auch im Landkreis Lüneburg!“, sagt Günther Wagener. Verschwände das Plattdeutsche, ginge für ihn ein wertvolles Kulturgut verloren.

Ein interessanter Gedanke, finde ich. Denn oft werde ich gefragt: „Warum sprichst du eigentlich noch Platt?“ Eine Frage, die ich schwer beantworten kann. Denn das „Warum“ stand für mich nie zur Debatte. So als würde man mich fragen, warum ich auch Hochdeutsch spreche.

Später am Tag treffe ich die Schwestern Wiebke Erdtmann und Rike Henties. Von ihrer Mutter lernten sie Platt von klein auf. Schnell kommen wir darauf zu sprechen, was für eine Bedeutung Plattdeutsch für sie hat. Wiebke Erdtmann überlegt, dann sagt sie: „Es ist einfach vertrauter. Man fühlt sich mehr zuhause.“ Ganz ähnlich fühlt ihre Schwester, die drei Jahre in Hannover lebte. „Eine Zeit lang wusste ich gar nicht, was genau mir dort fehlte. Jetzt im Nachhinein verstehe ich es.“

Beide geben dieses Stück Heimat auch an ihre eigenen Kinder weiter. „Wir sind de Plattschnackerinnen“, sagen sie. Viele Leute reagieren neugierig, fragen sie, ob das Kind denn „richtig sprechen lerne“. Doch da bestehe, wie bei jeder anderen Form der Zweisprachigkeit, kein Problem: „Man beobachtet bei den Kindern, dass sie von einer Sprache zur anderen wechseln können. Die denken nicht drüber nach, die machen es einfach.“ Die beiden sprechen Platt nicht nur in der Familie, sondern haben es auch in ihr berufliches Leben eingebunden. Die Grundschullehrerin Wiebke Erdtmann hat bereits Klassen auf Plattdeutsch unterrichtet. „Bei Fächern wie Kunst, Musik oder Sport ist es egal, ob du die Rolle vorwärts auf Hochdeutsch oder Plattdeutsch machst“, sagt sie. „Auch wenn die Kinder das nicht jeden Tag hören, hat es wirklich etwas gebracht und sie konnten mich mit der Zeit sehr gut verstehen. Dann haben sie auch mal in der Pause ,Wie geiht Di dat‘ gesagt.“

Zweisprachig aufwachsen ist für Kinder kein Problem

Rike Henties ist seit 2019 Plattdeutschkoordinatorin für den Landkreis Harburg. Ihre Aufgaben ähneln denen von Günther Wagener; der Unterschied ist, dass ihr Landkreis ein bezahltes Amt für die Plattdeutschförderung bereitstellt. Henties‘ Ziel: Plattdeutsch weiterhin in den hochdeutschen Alltag zu integrieren. Man solle weder das Hoch- noch das Plattdeutsche ausschließen, findet sie. Eine Lösung seien beispielsweise plattdeutsche Artikel in hochdeutschen Zeitungen.

Ob Plattdeutsch eine Zukunft habe, frage ich die beiden zum Schluss. Auf jeden Fall, finden sie. „In unserer globalisierten Welt ist es wichtig, mal runter zu kommen und bei sich zu bleiben. Leuten, mit denen man Platt schnackt, ist man ein bisschen näher als denen, mit denen man Hochdeutsch spricht, es ist ein anderes Gefühl“, sagt Wiebke Erdtmann.

Diese beiden Sätze bleiben mir im Gedächtnis. Klar, denke ich, die Welt dreht sich weiter und vielleicht ein bisschen schneller, wenn man regionale Sprachen sich selbst überlässt. Aber dann würde ein Stück Vertrautes verschwinden. Denn auch, wenn man ohne Platt gut auskommt, mit Platt ist das Leben einfach „kommodiger“. Oder wie alle sagen, die kein Plattdeutsch sprechen: gemütlicher.

Von Luise Asmussen