Mittwoch , 21. Oktober 2020
Julia Voss stellt ihre Forschungen zu der - vielen unbekannten - schwedischen Malerin Hilma af Klint vor. t&w

Die Jahrhundert-Entdeckung – Hilma af Klint

Lüneburg. Sie haben Beuys gezeigt, Picasso und all die Stars der Kunstgeschichte. Aber nie in den rund 80 Jahren des New Yorker Guggenheim kamen so viele Besucher wie 2018 zur Ausstellung mit Werken von Hilma af Klint – mehr als 600 000. Hilma wer? „Eine Jahrhundertentdeckung, eine Sensation“, sagt Julia Voss. Sie hat akribisch Leben und Werk der Schwedin erforscht und großen Anteil daran, dass die Geschichte der abstrakten Kunst umgeschrieben werden muss. Warum, das erklärte sie jetzt im Lüneburger Glockenhaus.

Die Menschheit in Erstaunen versetzen

1910 schrieb Wassily Kandinsky über das „Geistige in der Kunst“. Im gleichen Jahr will er sein erstes abstraktes Bild gemalt haben. Vielleicht kam ihm aber auch František Kupka zuvor oder Piet Mondrian. Sie alle und auch Kasimir Malewitsch, der Mann mit dem schwarzen Quadrat, erkundeten mit den Mitteln der Kunst Dimensionen jenseits des Rationalen. Aber eine war eben früher dabei, nur sah sie lange niemand: Hilma af Klint (1862-1944). Sie malte 1906 das „Urchaos“, eine Reihe von 26 Bildern. „Kreise, Räder und Spiralen lösen einander ab, Vierecke, Linien und Tabellen, begleitet von Strahlungen und Schwingungen“, schreibt Julia Voss in ihrer 572 Seiten umfassenden Biographie „Hilma af Klint. Die Menschheit in Erstaunen versetzen“.

Julia Voss war bis 2017 leitende Redakteurin im Feuilleton der FAZ. Sie stieg aus – und stieg ein ins Werk der aus dem Gedächtnis radierten Künstlerin. Voss lernte Schwedisch, durchforschte 125 Notizbücher mit 26 000 Seiten, rund 1200 Bilder, schrieb fürs Guggenheim und nun das biographische Schlüsselwerk. Was für ein Einsatz! Heute ist die promovierte Kunsthistorikerin als Honorarprofessorin an der Leuphana tätig. Im Glockenhaus sprach sie mit Moderator Renatus Deckert im Rahmen der Literaturbüro-Reihe „Ausgewählt“. Ein Gespräch auf Augenhöhe.

Männer beherrschten die Kunstszene

Vielleicht hat die lange Ignoranz der Kunstwelt mit Hilma af Klint mit ihrer Verfügung zu tun, dass ihre Werke erst 20 Jahre nach ihrem Tod ans Licht durften. Da war sie, die ohnehin nie nach ganz vorn kam, vergessen. Sicher hat es damit zu tun, dass die Kunst rigide von Männern beherrscht wurde und die Kunstgeschichte von Männern geschrieben wurde, die von Männern erzählen. Und gewiss kommt zum Schweigen ein Nichternstnehmen hinzu, weil Hilma af Klint sich von Stimmen gelenkt sah. Die Bilder seien durch sie hindurch gemalt worden. Julia Voss macht deutlich, wie das Übersinnliche, Esoterische ein selbstverständlicher Teil war im Leben der Künstlerin, die aus einer Familie von Marine-Offizieren stammte.

Dass auch Kandinsky mit Séancen vertraut war, Kupka das Okkulte schätzte, spielt keine Rolle in der heutigen Rezeption. Zu ihr passt eher Sigmar Polke, der 1969 mit Spott ein Bild betitelte: „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ Julia Voss geht dagegen unbefangen mit der spirituell gesteuerten Kunst der Schwedin um. Beim Lesen der Notizbücher, die fast ausschließlich Erfahrungen aus der nicht sichtbaren Welt wiedergeben, habe sie festgestellt, „dass die Stimmen verführerisch sind, weil es af Klints Freunde sind“ – begleitend, ermutigend, bestätigend. Julia Voss: „Wer bin ich, über ihre Lebenswelt zu richten?!“

„Es könnte so gewesen sein“

Schade, dass auf dem wegen der Pandemie zeitlich befristeten Abend nicht via Beamer Bilder aus dem reichen Schaffen Hilma af Klints gezeigt werden konnten – „der Puls, mit dem sie immer wieder Neues schafft, riss nie ab“, sagt Julia Voss. Es fehlte auch Zeit, af Klints Enttäuschungen über Rudolf Steiner zu schildern. Mit ihrer Lebensgefährtin reiste die Schwedin immer wieder zum Goetheaneum nach Dornbirn, bekam aber nie den erhofften Zuspruch vom Anthroposophen-Anführer.

Die af-Klint-Biographie bekommt mit etlichen „Es könnte so gewesen sein“-Szenen romanhafte Züge, bleibt aber immer im Wahrhaftigen. Aus dem Schluss des gelegentlich sehr in die Breite gehenden Werks zitierte Renatus Deckert einen Satz, der als Schlüssel zum Zugang in die Welt der Hilma af Klint dienen kann: „Wer lernt, über Rätselhaftes hinwegzusehen, verlernt, dem Außerordentlichen Beachtung zu schenken.“

Von Hans-Martin Koch