Sonntag , 25. Oktober 2020
Draußenschule
Beobachtungen im Wald werden in einem Tagebuch festgehalten. Sandra Miene, freie Mitarbeiterin der Organisation "Landschatfsabenteuer", erklärt die Entwicklung der Bäume. (Foto: t&w)

Lernen ohne Klassenzimmer

Lüneburg. Natürlich ist es kein Problem, sich die Natur – zumindest in Teilen – in die Schule zu holen. Das aber hat doch Grenzen, wie Lilia festgestellt hat: „Im Klassenzimmer wachsen ja keine Bäume“, sagt die Neunjährige und grinst. Dazu hat sie auch allen Grund: Als erster Jahrgang in ganz Niedersachsen nimmt sie derzeit an einem ganz besonderen Projekt teil, tauscht für ein Jahr einmal in der Woche Tisch, Stuhl und Tafel gegen den Reichtum des nahegelegenen Walds. Und das kommt bei allen gut an.

„Draußenschule“ nennt sich das Programm der Initiative „Landschaftsabenteuer“, die seit 2008 aktiv ist. Unterstützt von der Bingo-Umweltstiftung sowie den jeweiligen Fördervereinen bietet sie Grundschulen in der Metropolregion Hamburg die Möglichkeit des handlungsorientierten und lebensweltbezogenen Unterrichts am realen Ort. „Die Kinder erleben sich dabei draußen als Gemeinschaft unter völlig anderen Vorzeichen als im Innenraum“, sagt Geschäftsführer Johannes Plotzki, der das Büro in Lüneburg leitet.

Dann geht es zu Fuß an einen Lernort in der Nähe

Jede Woche an einem feststehenden Tag verlassen die Schüler zusammen mit einer Lehrkraft sowie einem außerschulischen Partner die Bildungseinrichtung und gehen zu Fuß zu einem Naturlernort in der Nähe: „Das kann ganz unterschiedlich je nach Lage auch mal der örtliche Reit- und Fahrverein sein, ein Nutzgarten oder der Schanzenpark“, sagt der Umweltpädagoge. Fußläufig und regelmäßig – das sind die wichtigsten Merkmale des Projekts, denn „durch die Nähe zwischen Schule und Natur wird ein Lebensweltbezug hergestellt, durch den wiederkehrenden Rhythmus eine Struktur auch ohne feste Räume vermittelt. Und das ist wichtig“ – für die Kinder der Schule Lüne aber eher nebensächlich.

Sie freuen sich jede Woche auf den Tag, wenn sie ausgestattet mit Rucksack und Sitzmatte ihr Basislager im Wald erreichen. Hier wird als Erstes die Natur gebührend begrüßt, bevor der Unterricht dann startet. Seit Februar schon sind die Jungen und Mädchen Teil des Projekts, vor den Sommerferien als Zweit-, nun als Drittklässler. Gelernt haben sie dabei viel, haben die Natur im Ablauf der Jahreszeiten erlebt, Wichtiges über Pflanzen und Bäume erfahren und experimentiert.

Sachkundelehrerin Birte Möller ist von dem Konzept begeistert: „Es ist schon interessant, welche Veränderungen die Kinder mitmachen“, sagt sie. Gefragt nach ihren Naturerlebnissen während des Wochenendes hätten die Schüler anfangs geschwiegen oder aber von toten Tieren erzählt – das habe sich mittlerweile geändert: „Sie gehen viel aufmerksamer durch ihren Lebensraum, beobachten Tiere, sammeln Blätter oder Samen. Da hat sich doch viel getan.“

Und das hat auch Auswirkungen auf den Unterricht: „Wir bereiten den Waldtag vor und nach“, erklärt die Pädagogin, „achten aber auch darauf, dass mit den Erlebnissen fächerübergreifend gearbeitet wird.“ Letztlich werde die Schule durch das Projekt einfach wahnsinnig lebendig.

Waldtag wird vor- und auch nachbereitet

Das ist den Kindern anzumerken: Begeistert erzählen sie, was sie bereits gelernt haben. Lilia sagt: „Jeder von uns hat einen Patenbaum im Wald, um den wir uns kümmern, den wir aber auch im Laufe der Jahreszeiten beobachten.“ Ben (8) erläutert: „Meine Buche war vor den Ferien noch 45 Jahre alt, hatte mittlerweile aber Geburtstag.“ Mithilfe eines Zentimetermaßes habe er den Umfang des Stammes gemessen, dieses dann umgerechnet. So findet der Wald auch im Matheunterricht seinen Niederschlag.

Lina (8) findet besonders die wiederkehrende Begrüßung des Gehölzes gut, interessiert sich aber auch für die Nahrung der Flora. Wasser, Licht und Kohlendioxid – die Fragen von Sandra Miehe, freie Mitarbeiterin von „Landschaftsabenteuer“, nach den Bedürfnissen der Bäume können die Kinder bereits umfassend beantworten.

Und auch über die Wurzeln wissen sie bereits Bescheid: Die haben sie auf dem Boden liegend nachgestellt, so einen weiteren Aspekt der Natur hautnah erlebt.

Von Ute Lühr